Zwei an einem Tag

zwei_an_einem_tagEmma und Dexter. Dex und Em. Eine Liebesgeschichte in Schlaglichtern geschildert, Immer nur ein Tag, der 15. Juli, 20 Jahre lang. Zwei Menschen, die ein Kuss an einer englischen Straße bindet, die sich anziehen, die eigentlich nicht ohne einander können, aber das Leben besteht nun einmal aus verpassten Chancen. Emma arbeitet in einem schmierigen Texmex-Lokal, träumt vom Schriftstellertum. Dexter reist erstmal um die Welt, nach Indien und überhaupt, es sind die 80er, er lernt eine Producerin kennen, stolpert ins Fernsehen, verliert die Bodenhaftung, seinen Witz, die Selbstironie.

Em und Dex. Wenn sie zusammen sind, dann sprühen die Dialoge vor Humor und Zuneigung. Und wenn sie nicht zusammen sind, dann schreiben Sie sich die schönsten Dinge, so richtig auf Papier und in Luftpostbriefen, die dann tagelang, manchmal mit Kussmund, unterwegs sind; es ist kurz gesagt einfach unfassbar, warum die beiden nicht zusammen sind.

Gelegenheiten, die vorbeiziehen. Da schreibt Dexter einen Liebesbrief, keinen schleimigen, keinen fordernden, sondern einen Liebesbrief, der zögert, weil er nicht zu weit gehen will, aber immerhin soweit geht, zu sagen: brich Deine Zelte im Ekelrestaurant ab, komm nach Indien, ins Land der Darmbeschwerden.

Ich suche mir einen Briefkasten und schicke den Brief ab, bevor ich es mir anders überlege. Nicht, weil ich es für eine schlechte Idee halte, wenn Du herkommst – es ist eine tolle Idee, und du musst kommen – sondern, weil ich vielleicht zuviel geagt habe. Tut mir leid, wenn dich das hier auf die Palme bringt. Die Hauptsache ist, dass du weißt, dass ich oft an dich denke, das ist alles. Dex und Em, Em und Dex. Nenn mich sentimental, aber es gibt niemanden, den ich lieber mit Dünnpfiff sehen würde als dich.

Dex und Em. So gehen die Jahre ins Land. Erwachsenwerden, erste Jobs, ernste Liebeleien. Dex nimmt Drogen, hat viele Frauen. Sie verkrachen sich. Die Mutter, sie stirbt viel zu früh, er ist noch nicht mal dreißig und natürlich wird er nur schwer damit fertig, vor allem, weil er zuviel damit zu tun hat, nicht nüchtern zu bleiben und Zigarettengirls mit Strapsen in Nobelclubs anzumachen. Und natürlich geht auch das vorbei und dann finden sie sich wieder. Emma und Dexter. James Salter wird zitiert:

Manchmal ist man sich der großen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso.

Hochzeiten, natürlich treffen sie sich mit Anfang dreißig auf Hochzeiten wieder. Und er heiratet auch. Natürlich nicht Emma. Sondern eine kühle Blonde, kann ja nicht gutgehen, aber ein Kind, das gibt es noch, bevor sie mit seinem Freund abhaut, der ihm auch noch einen Job gegeben hat, weil er seine Fernsehkarriere am Arsch ist. Und Em, die ist Lehrerin geworden und vögelt mit dem anderweitig verheirateten Direktor nach Schulschluss und fragt sich dabei, wie wohl sein Gesicht aussieht, das hinter einem Vollbart versteckt ist. Sie wird es nicht erfahren. Scheidung. Drama. Und dann, soviel darf man vorwegnehmen, weil das ganze Buch auf diesen Augenblick hinarbeitet, klappt es doch noch endlich mit Em und Dex, mit Dex und Em. Mit Dex, den es aus dem Fernsehen gespült hat. Und Em, die an der Schule gekündigt hat und nun tatsächlich Erfolg als (Kinderbuch-)Autorin hat. Glück. Wer es dabei belassen möchte (vor allem, achtung, es ist die Zeit der Herbstdepression), der sollte das Buch nach dem dritten Teil einfach mit einem Lächeln zur Seite legen. Er endet so:

Sie lächelten sich an. Dann, als wäre es ihr gerade erst eingefallen, war sie mit drei schnellen Schritten bei ihm, nahm sein Gesicht, küsste ihn, und er legte ihr die Hände auf den Rücken, entdeckte, dass der Reißverschluss noch offen stand, die nackte Haut noch kühl und feucht war vom Duschen. Sie küssten sich eine ganze Weile. Dann, sie hielt immer noch sein Gesicht, sah sie ihn eindringlich an. “Wenn du mich verarschst, Dexter.” “Mach ich nicht …” “Das ist mein Ernst, wenn du mir was vormachst, mich im Stich lässt oder hintergehst, dann schwöre ich bei Gott, ich reiß dir das Herz raus.” “Das mache ich nicht, Em.” “Wirklich nicht?” “Wirklich nicht, ich schwöre” Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, schlang wieder die Arme um ihn, schmiegte das Gesicht an seine Schulter und gab ein Geräusch von sich, das fast wütend klang. “Was ist los?”, wollte er wissen. “Nichts. Ach nichts. Nur …” Sie sah zu ihm auf. “Ich dachte, ich wär dich endlich los.” “Ich glaube, das kannst du gar nicht”, sagte er.

Und “Schluss!” würde man denken, ein schönes Buch, ein sehr lustiges und manchmal tieftrauriges, echtes Buch, nah am Leben und romantisch, aber nicht zu sehr, als dass es nerven würde und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Doch es ist nicht Schluss. Es geht weiter, nicht unbedingt schlecht geschrieben oder den Faden verlierend, nein, das ist es nicht. Doch, man muss das hier mal sagen, warum, lieber Mister Nicholls, warum darf ein Buch nicht einfach mal gut enden. Weil Hollywood alle guten Enden schon geschrieben hat? Weil man kein RICHTIGER Schriftsteller mehr ist, wenn irgendwann nicht doch noch die Abzweigung Richtung Tragik findet? Das hört sich jetzt alles sehr böse an, aber so ist es gar nicht gemeint.

Diese Anklage spricht ja für das Buch (die ersten drei Kapitel): selten ersehnt man sich ein glückliches Ende so sehr wie hier. Verdammt, Nick Hornby lobt dieses auf dem Schutzumschlag und welches Nick-Hornby-Buch endet denn bitteschön in Tränen? Der Vergleich ist übrigens auch aus anderen Gründen nicht falsch, denn in Sachen Zynismus, Ironie und ernsten, wahrhaftigen Feststellungen wie auch den keinesfalls unangebrachten Querverweisen zur Popkultur ähneln sich die beiden schon sehr. Vielleicht hilft es, einfach wieder an den Anfang des Romans zurückzukehren, dort wird nämlich Charles Dickens zitiert, Große Erwartungen:

Dies war für mich ein denkwürdiger Tag, da er gewaltige Veränderungen in mir bewirkte. Doch das gibt es in jedem Leben. Man stelle sich vor, ein ganz bestimmter Tag würde daraus gelöscht, und überlege dann, wie anders dieses Leben verlaufen wäre. Du, der du dies liest, halt ein und denke für einen Augenblick an die lange Kette aus Eisen oder Gold, aus Dornen oder Blumen, die dich niemals gefesselt hätte, wäre nicht an einem denkwürdigen Tage ihr erstes Glied geschmiedet worden.

Könnte einen versöhnen. Theoretisch.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Zwei an einem Tag”

  1. Mainbube
    22. November 2009 um 08:28

    Du hast so recht. Das Buch, quasi ein Tipp von Nick Hornby, könnte ruhig anders ausgehen. Aber schon der 15. Juli in Griechenland lässt den Leser schon ahnen, dass es nix wird mit Happy und End.

    Dennoch endlich mal wieder ein Buch, welches richtig schön dick ist und im Zeitalter von Chats und IM auf so nette Dinge wie die Briefkommunikation hinweist. Ist auch romantischer, als ein Chatkuss oder eine Notiz bei Facebook.

    Ich bin erst in den letzten Tagen dazu gekommen das Buch zu lesen, kann es aber nicht aus der Hand legen, weil ich jeden neuen 15. Juli erleben möchte. Außerdem ist Dex so ein schönes Arschloch, da macht es Spaß, wenn Em ihm die Meinung geigt.

    Zum guten Schluß noch eine Bemerkung: Mir ist aufgefallen, dass Em und Dex wie Ham und Eggs klingt. Zufall oder Humor des Autors? (http://www.meiersworld.de/2009/11/09/randbemerkung-englischer-humor-oder-wie/)

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