Zwei an einem Tag

zwei_an_einem_tagEmma und Dexter. Dex und Em. Eine Liebesgeschichte in Schlaglichtern geschildert, Immer nur ein Tag, der 15. Juli, 20 Jahre lang. Zwei Menschen, die ein Kuss an einer englischen Straße bindet, die sich anziehen, die eigentlich nicht ohne einander können, aber das Leben besteht nun einmal aus verpassten Chancen. Emma arbeitet in einem schmierigen Texmex-Lokal, träumt vom Schriftstellertum. Dexter reist erstmal um die Welt, nach Indien und überhaupt, es sind die 80er, er lernt eine Producerin kennen, stolpert ins Fernsehen, verliert die Bodenhaftung, seinen Witz, die Selbstironie.

Em und Dex. Wenn sie zusammen sind, dann sprühen die Dialoge vor Humor und Zuneigung. Und wenn sie nicht zusammen sind, dann schreiben Sie sich die schönsten Dinge, so richtig auf Papier und in Luftpostbriefen, die dann tagelang, manchmal mit Kussmund, unterwegs sind; es ist kurz gesagt einfach unfassbar, warum die beiden nicht zusammen sind.

Gelegenheiten, die vorbeiziehen. Da schreibt Dexter einen Liebesbrief, keinen schleimigen, keinen fordernden, sondern einen Liebesbrief, der zögert, weil er nicht zu weit gehen will, aber immerhin soweit geht, zu sagen: brich Deine Zelte im Ekelrestaurant ab, komm nach Indien, ins Land der Darmbeschwerden.

Ich suche mir einen Briefkasten und schicke den Brief ab, bevor ich es mir anders überlege. Nicht, weil ich es für eine schlechte Idee halte, wenn Du herkommst – es ist eine tolle Idee, und du musst kommen – sondern, weil ich vielleicht zuviel geagt habe. Tut mir leid, wenn dich das hier auf die Palme bringt. Die Hauptsache ist, dass du weißt, dass ich oft an dich denke, das ist alles. Dex und Em, Em und Dex. Nenn mich sentimental, aber es gibt niemanden, den ich lieber mit Dünnpfiff sehen würde als dich.

Dex und Em. So gehen die Jahre ins Land. Erwachsenwerden, erste Jobs, ernste Liebeleien. Dex nimmt Drogen, hat viele Frauen. Sie verkrachen sich. Die Mutter, sie stirbt viel zu früh, er ist noch nicht mal dreißig und natürlich wird er nur schwer damit fertig, vor allem, weil er zuviel damit zu tun hat, nicht nüchtern zu bleiben und Zigarettengirls mit Strapsen in Nobelclubs anzumachen. Und natürlich geht auch das vorbei und dann finden sie sich wieder. Emma und Dexter. James Salter wird zitiert:

Manchmal ist man sich der großen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso.

Hochzeiten, natürlich treffen sie sich mit Anfang dreißig auf Hochzeiten wieder. Und er heiratet auch. Natürlich nicht Emma. Sondern eine kühle Blonde, kann ja nicht gutgehen, aber ein Kind, das gibt es noch, bevor sie mit seinem Freund abhaut, der ihm auch noch einen Job gegeben hat, weil er seine Fernsehkarriere am Arsch ist. Und Em, die ist Lehrerin geworden und vögelt mit dem anderweitig verheirateten Direktor nach Schulschluss und fragt sich dabei, wie wohl sein Gesicht aussieht, das hinter einem Vollbart versteckt ist. Sie wird es nicht erfahren. Scheidung. Drama. Und dann, soviel darf man vorwegnehmen, weil das ganze Buch auf diesen Augenblick hinarbeitet, klappt es doch noch endlich mit Em und Dex, mit Dex und Em. Mit Dex, den es aus dem Fernsehen gespült hat. Und Em, die an der Schule gekündigt hat und nun tatsächlich Erfolg als (Kinderbuch-)Autorin hat. Glück. Wer es dabei belassen möchte (vor allem, achtung, es ist die Zeit der Herbstdepression), der sollte das Buch nach dem dritten Teil einfach mit einem Lächeln zur Seite legen. Er endet so:

Sie lächelten sich an. Dann, als wäre es ihr gerade erst eingefallen, war sie mit drei schnellen Schritten bei ihm, nahm sein Gesicht, küsste ihn, und er legte ihr die Hände auf den Rücken, entdeckte, dass der Reißverschluss noch offen stand, die nackte Haut noch kühl und feucht war vom Duschen. Sie küssten sich eine ganze Weile. Dann, sie hielt immer noch sein Gesicht, sah sie ihn eindringlich an. “Wenn du mich verarschst, Dexter.” “Mach ich nicht …” “Das ist mein Ernst, wenn du mir was vormachst, mich im Stich lässt oder hintergehst, dann schwöre ich bei Gott, ich reiß dir das Herz raus.” “Das mache ich nicht, Em.” “Wirklich nicht?” “Wirklich nicht, ich schwöre” Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, schlang wieder die Arme um ihn, schmiegte das Gesicht an seine Schulter und gab ein Geräusch von sich, das fast wütend klang. “Was ist los?”, wollte er wissen. “Nichts. Ach nichts. Nur …” Sie sah zu ihm auf. “Ich dachte, ich wär dich endlich los.” “Ich glaube, das kannst du gar nicht”, sagte er.

Und “Schluss!” würde man denken, ein schönes Buch, ein sehr lustiges und manchmal tieftrauriges, echtes Buch, nah am Leben und romantisch, aber nicht zu sehr, als dass es nerven würde und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Doch es ist nicht Schluss. Es geht weiter, nicht unbedingt schlecht geschrieben oder den Faden verlierend, nein, das ist es nicht. Doch, man muss das hier mal sagen, warum, lieber Mister Nicholls, warum darf ein Buch nicht einfach mal gut enden. Weil Hollywood alle guten Enden schon geschrieben hat? Weil man kein RICHTIGER Schriftsteller mehr ist, wenn irgendwann nicht doch noch die Abzweigung Richtung Tragik findet? Das hört sich jetzt alles sehr böse an, aber so ist es gar nicht gemeint.

Diese Anklage spricht ja für das Buch (die ersten drei Kapitel): selten ersehnt man sich ein glückliches Ende so sehr wie hier. Verdammt, Nick Hornby lobt dieses auf dem Schutzumschlag und welches Nick-Hornby-Buch endet denn bitteschön in Tränen? Der Vergleich ist übrigens auch aus anderen Gründen nicht falsch, denn in Sachen Zynismus, Ironie und ernsten, wahrhaftigen Feststellungen wie auch den keinesfalls unangebrachten Querverweisen zur Popkultur ähneln sich die beiden schon sehr. Vielleicht hilft es, einfach wieder an den Anfang des Romans zurückzukehren, dort wird nämlich Charles Dickens zitiert, Große Erwartungen:

Dies war für mich ein denkwürdiger Tag, da er gewaltige Veränderungen in mir bewirkte. Doch das gibt es in jedem Leben. Man stelle sich vor, ein ganz bestimmter Tag würde daraus gelöscht, und überlege dann, wie anders dieses Leben verlaufen wäre. Du, der du dies liest, halt ein und denke für einen Augenblick an die lange Kette aus Eisen oder Gold, aus Dornen oder Blumen, die dich niemals gefesselt hätte, wäre nicht an einem denkwürdigen Tage ihr erstes Glied geschmiedet worden.

Könnte einen versöhnen. Theoretisch.

Des Spiegels Mut

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Das Magazin Spiegel beweist Mut – und Finanzkraft. Denn ein solches Wechselcover, das je nach Blickwinkel mal Merkel mal Steinmeier zeigt und wie es seit heute am Kiosk liegt, dürfte dann doch die Gewinnmarge pro Heft ein wenig nach unten drücken. Dafür aber die Verkaufszahlen hoffentlich kräftig in die Höhe. Denn Publikumszeitschriften in Deutschland setzten bislang was ihr Titelbild angeht auf ein Motto, dass Angela Merkel für ihre Neuauflage eines Adenauer-Wahlkampfs wieder aus der Mottenkiste geholt hat: keine Experimente! Zeit für eine kleine, subjektive Rückschau auf die mutigsten Cover-Ideen des Druckgewerbes.

1. Humanglobaler Zufall hieß das große Werk des Axel-Springer-Konzerns. Ein Experiment, das letztlich nach vier Ausgaben scheiterte. Ein Experiment, das in Sachen Illustriertengestaltung aber Maßstäbe setzte, weil Rendite keine Rolle spielte. Die erste Ausgabe: mit Gold auf dem Cover und mit einem roten Lesefaden. Die zweite Ausgabe: etwas langweiliger mit fühlbaren Klebeecken auf dem Cover. Die dritte wieder ganz groß mit einem Wechselcover, mit dem sich auch der Spiegel jetzt feiert (wobei die Hausmitteilung des Nachrichtenmagazins schon korrekt schreibt, in dieser Größe und in dieser Auflage hätte es das noch nicht gegeben). Auf der vierten Ausgabe dann: ein Thermocover, dass sich verändert, wenn es mit warmen Fingern befühlt wird. Mal sehen, ob sich der Spiegel an sowas rantraut.

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2. National Geographic ist ein Magazin, das schon in den 80er-Jahren Fotografien, große Reportagen und Infografiken in einer Opulenz zeigte, wie man sie selbst heute nur selten findet. Und es ging, ebenfalls bereits in den 80er-Jahren erstaunliche Wege der Covergestaltung. 1984: ein Cover mit einem integriertem Hologramm, das einen Adler zeigt. 1985: ein noch größeres Hologramm. Und 1988 schließlich der absolute Wahnsinn: ein kompletter Umschlag als Hologramm, sogar die Anzeige auf der Rückseite war als solches gestaltet, ein Hingucker am Kiosk und danach nie wieder irgendwo gesehen. Wahrscheinlich waren Hologramme irgendwie auch so ein Ding, das in den 90ern furchtbar out war, denn fortan fristeten die regenbogenfarbnen Silberlinge ihr Dasein auf Kreditkarten und Waren, deren Authentizität der Hersteller beweisen wollte.

3. Esquire Magazine! Okay, inhaltlich nicht wirklich prall, Männermagazin eben, da kann man, leider, nicht viel Anspruch erwarten. Mit seinen Covern aber stets auf der Höhe der Zeit (und weit entfernt von den billigen Anmachen der Kollegen von Maxim oder FHM) und ohnehin mit einer famosen Geschichte, die ohne Ikonen wie George Lois nicht denkbar wäre. Im vergangenen Jahr dann dreht man richtig auf – und verkaufte ein Cover mit elektronischer Tinte. Technologisch ganz weit vorne und eine schöne Idee, die auch interessant aussah (wie dieses Youtube-Video zeigt), die derart ausgestattete Luxusauflage von 100.000 Heftchen kostete aber gleich zwei Dollar mehr als die normale Variante, hatte ein beinhartes Cover und eine Batterie, was unter Umweltgesichtspunkten ein Frevel ist, denn am Schluss sind die zerlesenen Magazine nämlich bestenfalls im Altpapier gelandet. Ansonsten liefert Wired den besten Kommentar zum E-Ink-Esquire:

Wake us when print media gets close to something we saw much closer to the actual beginning of the 21st century in 2002’s “Minority Report,” when newspaper headlines changed dynamically during the morning commute.

Außerdem, so Wired, habe das Time Magazine gezeigt, wie man ein aufregendes Cover ohne großen Aufwand produziere: dort arbeitete man einfach eine spiegelnde Oberfläche ein, um zu zeigen, wer der Mensch des Jahres ist: You!

Unnützes Wissen: die Wackelbild-Technologie des Spiegel heißt Lenticularfolie oder Linsenfolie. Nicht unbedingt eine neue Technik. Jetzt fehlt nur noch, dass jemand die Stereogramme aus den 90er-Jahren wieder hervorholt. Sie erinnern sich?

Wie man eine Schusswaffe loswird

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Es geht alles ganz einfach. Ordnungsamt, Tür auf, Waffenschein, Waffe, Munition auf den Tisch, der Beamte zieht eine Kopie, schreibt dann ins Original das Abgabedatum, durchladen, nachgucken, Munition, aha, ja gut, dann vielen Dank auch. Die (geerbte) Walther PPK meines Vaters liegt nun in einem Safe und irgendwann wird sie abgeholt und ins Landeskriminalamt gebracht, wo man wahrscheinlich entscheidet, sie zu recyclen, also einzuschmelzen. “Schade drum”, meint der Beamte, weil Walther ja eine gute Firma sei. Heute möchte sie dennoch niemand mehr haben, keine Sportschützen, keine Sammler, weil es tausende von ihr gibt und fast vierzig Jahre alt ist sie nun auch bereits. In diesem alten Hamburger Tatort mit Manfred Krug da könne man die noch sehen, aber die Polizei benutze die schon lange nicht mehr. Dennoch, eine gute Waffe. Es stimmt ja auch, die Pistole liegt fest in der Hand, sie ist mechanische Ingenieurskunst und doch soviel mehr als das. Nämlich eine Möglichkeit zum Mord.

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Etwa zehn Millionen registrierte Schusswaffen gibt es in Deutschland, heißt es in Zeitungsartikel von 2005. Nach dem jüngsten Amoklauf war von acht Millionen die Rede, was nichts anderes heißt als: so genau weiß man es nicht. Der Amoklauf war auch der, entschuldigung, Startschuss für eine Gesetzesinitiative, aus der wieder nichts wurde. Warum das so ist, kann man wunderbar in der aktuellen Zeit nachlesen. Da heißt es unter anderem:

Die Gesetzesmacher berieten sich (…) mit den Gegnern einer Verschärfung. Befürworter kamen dagegen nicht zu Wort. Wer etwa SPD-Verhandlungsführer Körper fragt, ob er denn auch mit der Gegenseite gesprochen habe, bekommt eine kurze Antwort: “Welche Gegenseite? Wir haben keinen öffentlich wirksamen Gegenpol in der Debatte.”

Nunja: es gibt zumindest keinen offiziellen Ansprechpartner. Es gibt keine Vereine und keine Verbandsvorsitzenden. Aber es gibt so etwas wie eine öffentliche Meinung. Da wäre zum Beispiel diese Emnid-Umfrage:

78 Prozent wollen Gewehre und Pistolen in Privathaushalten generell verbieten. Nur 20 Prozent sind gegen einen solchen Schritt.

Die Jagdverbände und die Schützenvereine ärgerte dies. Sie schickten Briefe an die Politiker und brachten so alle Vorschläge zum Fall. Ein Amoklauf, so ihr Argument, hätte durch nichts verhindert werden können. Außerdem würden nun alle Menschen mit einer Waffe unter Generalverdacht gestellt. (Der saarländische Jägermeister verglich das damit, dass der Besitz eines Autos ja auch nicht … undsoweiter wofür er sich später immerhin entschuldigte.) Der Deutsche Jagdverband ist jedenfalls recht stolz auf sich und seine Mitglieder:

Einzelne Jäger haben den DJV-Protestbrief innerhalb von 9 Tagen 3.000 Mal aus dem Internet heruntergeladen, um ihre Bundestagsabgeordneten anzuschreiben. Das alles zusammen zeigte Wirkung.

Den besten Kommentar zu der nun erfolgten “Verschärfung” des Waffenrechts, die unter anderem das Verbot von Paintball-Spielen vorsieht, erschien in der Süddeutschen:

Die Verschärfung des Rechts sieht nun also so aus, dass man mit Waffen, die nicht scharf sind, nicht mehr schießen darf, sehr wohl aber ohne Restriktion mit scharfen Waffen.

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Man könnte auch von einem Versagen der Politik sprechen. Denn die Frage, warum man mit Mordwaffen (denn zu nichts anderem werden sie konstruiert) auf Zielscheiben schießen muss, um Sport zu treiben, konnte die Große Koalition nicht beantworten. Reichen nicht auch Luftgewehre und -pistolen? Egal, wie gut eine Waffe in der Hand liegt, egal, wie “schön” das Gefühl sein mag, ihren Rückstoß und ihre Macht zu spüren, in Privatbesitz gehört weder Klein- noch Großkalibriges. Zynisch gesagt, kann man nur hoffen, dass der nächste Amoklauf nicht in ein Wahljahr fällt. Dann gäbe es vielleicht eine Chance für ein Verbot von Kleinwaffen. Bis dahin müssen wir unsere Waffen eben selbst zur Schmelzanlage bringen. Und vielleicht sollten wir einen Verein gründen, der sich für ein solches Verbot einsetzt. Damit die Politiker zu ihren Beratungen auch jemand hinzuziehen können, der nicht zur Waffenlobby gehört.

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

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Manche Bücher machen es einem schwer, sie in einem Zug durchzulesen. Nicht, weil sie schwerfällig wären oder unhandlich, nicht, weil sie zu komplex oder gar langweilig wären. Sondern einfach nur, weil sie so traurig sind, dass man sie weglegen möchte und zugleich so voller Hoffnung und Humor, dass man genau dies nicht tut. Es ist nun bereits einige Wochen her, dass ich Christoph Schlingensiefs Tagebuch einer Krebserkrankung zu Ende gelesen habe, in nur wenigen Tagen, weil der Redaktionsschluss nahte und man noch eine Rezension haben wollte. Dabei, so wusste ich hinterher, genießt man dieses Buch am Besten in homöopathischen Dosen. Und ausführliche Kritiken schreibt man am Besten, wenn das alles schon etwas hinter einem liegt, denn sonst wird es wahrscheinlich zu persönlich und andere mit seinem Privatleben zu langweilen, ist ja irgendwie zu Mainstream geworden.

Natürlich auch Schlingensiefs Buch ist so privat, dass man manchmal glaubt, es gehe gar nicht mehr. Doch dies geschieht aus einem gewissen Grund. “Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens.” So heißt es gleich im ersten Absatz. Der Sprachlosigkeit setzt Christoph Schlingensief einen kaum enden wollenden Redefluss entgegen, kleine und große Gedanken, Tagewerk und Gespräche, kondensiert zu einem Monolog, aufgezeichnet am Diktiergerät und deswegen in einer ungeschliffenen Sprache, aber so hat der Theatermacher, dieser große, ja auch gesprochen und gelebt und gearbeitet. Was heißt hat? Er lebt ja noch, er arbeitet ja noch, hat sich durch die Talkshows und Interviews gekämpft, was bestimmt nicht leicht war, denn man weiß ja, wie das so ist: da wird gefragt und gebohrt und mitleidige Blicke, die muss man gewiss auch ertragen.

Wie die Medien funktionieren, dass weiß Schlingensief ja schon ganz gut. Denn bestimmt nicht nur auf ihn ganz subjektiv gemünzt hat er dieses Walter-Benjamin-Zitat an den Anfang gestellt: “Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.”

Und weil das so ist, spielt die Religion eine nicht geringe Rolle. Es sind die alten Fragen, doch Christoph Schlingensief stellt sie neu. Dieser ganze Leidenszyklus, den das Christentum seit 2000 Jahren in unsere Herzen pflanzt. Das Gottvertrauen, das manchmal verschwindet, als hätte man den Boden weggezogen. Unglaubliche Heilsversprechen für die Zeit nachdem der Vorhang gefallen ist.

Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur – ich will mich nur noch betrunken unter den Sternenhimmel von Afrika setzen und mich auflösen. Warum nicht? Aber dann kommt das christliche Geschwätz, seinen Mann nicht gestanden, sich der Sache entzogen, dem Problem entzogen, wir haben doch alles getan, Intensivmedizin stand zur Verfügung, und er hat sich einfach hängen lassen. Da kann ich nur sagen, bei Jesus gab es auch keine Intensivmedizin, der hat sich auch hängenlassen.

Doch Schlingensief begibt sich in die Hände der Intensivmedizin, in die Welt der Götter in Weiß, manche von ihnen ganz schön abgeklärt, andere so richtig nett und so wie man sich das wünscht, wenn der Tod schon mal anklopft. Untersuchungen, Lungenflügel raus, Chemotherapie, Bestrahlung, die Medizin gibt den Takt vor. Es ist, heißt es einmal, “alles eine Scheiße! Ist das alles eine Scheiße!”

Es gibt soviele lustige Momente in diesem Buch. Zum Beispiel wie sich Schlingensief die Johanna-Inszenierung mit seinem eigenen Schicksal verknüpft erträumt. Oder wie diese verrückte Frau vor die Tür seines Krankenhauszimmers scheißt und die Pflegerin nur ruft “Ach du Scheiße, Kacke!” und Schlingensief sich wegschmeißt und dann wird es gleich wieder traurig, weil er an seinen Vater denkt, der ihm vielleicht dieses Ereignis geschickt hat, damit er mal wieder richtig durchlachen kann, der Vater, der ein Jahr zuvor starb, dem er nachts über die Friedhofsmauer zubrüllt, was ihm einfalle, was los sei, was er sich dabei denke und bei dem er sich am Tag danach entschuldigt, sich mit ihm versöhnt und ihm verspricht, in Afrika eine Kirche, eine Schule, ein Krankenhaus, ein Theater, ein Opernhaus zu bauen. “Es war ein total schöner Moment. Und dann – das hört sich jetzt spinnert an -, aber in dem Moment, als ich das gesagt hatte, wurde der Himmel so rot wie der Brokatstoff in den Bildern, die ich vor ein paar Tagen bei diesen Halluzinationen gesehen hatte.”

Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Buch und vielleicht ist es deswegen nur etwas für homöopathische Dosen, weil wir ihn in unserer Gesellschaft nicht mehr an uns heranlassen, sondern ihn aussperren, ihn wegdenken, wann kommt denn das Gespräch schon mal darauf und dann sind überall noch diese seltsamen Atheisten, die uns sagen, das alles sei völlig sinnlos, was wir hier auf der Erde veranstalten. Jetzt höre ich mich schon an wie Schlingensief. Deswegen soll er das letzte Wort behalten:

Das Schlimmste ist, glaube ich, dass alles Fiktive, alles für die Zukunft Erträumte ausgeträumt ist. Im Moment ist alles endlos real und damit komme ich nicht klar. Sich etwas auszudenken, sich etwas auszumalen, von mir aus auch Illusionen zu haben – das ist alles ein großer Glücksrausch, auch wenn ich ihn nicht immer als Glück wahrnehmen konnte. Und jetzt ist man 47 und soll denken: Sei froh, dass du lebst, und genieß jeden Tag als sei er dein letzter.

Bad Banks

badbank

Nun bekommen wir sie also auch in Deutschland, die Bad Banks. Ich will ja nicht als Sprachfaschist glänzen, aber: müssen wir das so nennen? Drei Anmerkungen.
Erstens sollte man ja vermuten, dass eine böse, schlechte Bank einen guten Widerpart hat. Hat sie aber nicht, denn die schlechte und die gute Bank gehören zu einem Konzern. So bleibt die Verschiebung von “toxischen” Wertpapieren von einem Keller in den anderen vor allem buchhalterische Alchemie.
Zweitens: Bad. Noch nie hat man im Deutschen dieses Wort mit “schlecht” assoziert. Eher mit Duschen und Wannen oder auch Fangopackungen und Kurschatten.
Drittens bleibt die Frage, wer eigentlich die schlechten Banken verwaltet? Die guten Banker. Und wer überhaupt mit einer Bad Bank Geschäfte machen will? Oder einer guten Bank, der eine schlechte Bank gehört. Das Ganze ist einfach nur eine bad idea.

Byebye Galore

galore

Ich bin ja ein großer Freund von Interviews. Also hätte ich auch ein großer Freund von Galore sein müssen. War ich auch. Auch schon am Anfang als sie noch dieses von Porträtfotos zugestellte Cover hatten, aber mehr noch danach, als zum Beispiel Judith Holofernes rehäugig im Kiosk lag. Das Konzept war klar: Interviews, bitte. Porträts. Schöne Fotos. Angenehme Fragen. Lange Strecken. Zuletzt sah die Galore leider so aus wie auf dem ganz rechten Cover zu sehen, das die vorletzte Ausgabe des Magazins zeigt. Am 10. Juni liegt die Zeitschrift noch einmal am Kiosk, danach wird im Internet weitergefragt – mit Zugriff auf die über 900 bereits geführten Interviews und einem neuen pro Woche, das kann man sich wohl gerade noch so leisten (doch wer die derzeitigen Werbeetats der Firmen kennt, weiß, auch das wird schwierig). Klar, es ist Medienkrise. Aber bei 20.000 verkauften Exemplaren und 2500 Abos kann es wohl nicht nur an den Anzeigen gelegen haben. Es ist wohl eher so: Galore kam zu früh, um als Nischentitel funktionieren zu können. Also wurde man beliebig, baute Kleinkram ins Heft, stellte den Titel mit Typo und lauten Anreißern voll, verunstaltete das vordem so klare Logo, man könnte auch sagen: die Marke wurde verwässert. Jetzt, da man mit einem kleinen, feinen (wenn Sie so wollen: rehäugigen) Magazin vielleicht einen Blumentopf gewinnen könnte, sieht Galore aus wie jede xbeliebige Illustrierte am Kiosk. Manchmal ist Anbiederung vielleicht doch nicht der rechte Weg.

Audrey Hepburn

ah

“You’ve got to learn to like yourself a little more”, soll Cary Grant zu seiner Kollegin auf dem Set von Charade gesagt haben. Grant war da ein fast 60-jähriger Mann, der sein Hemd in einer Szene im Bad anbehalten sollte, weil man seinen nicht mehr gerade ebenmäßig geformter Körper dem Publikum vorenthalten wollte. Aber es stimmte ja, was er sagte: in Sachen Selbstbildnis konnte die 27 Jahre jüngere Audrey Hepburn noch einiges von diesem Haudegen lernen. Das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hatte, war hingegen schon längst gefestigt, als Charade 1963 in die Kinos kam. Zehn Jahre zuvor hatte sie bereits für ihre Hauptrolle in William Wylers Roman Holiday einen Oscar bekommen. Der zweite folgte auf dem Fuße für den wunderbaren Streifen Sabrina von Billy Wilder (, in dem sie Piafs La vie en rose singt). Magazine wie Time heben Miss Hepburn aufs Titelblatt, Romanzen mit ihrem Filmpartner Gregory Peck werden ihr nachgesagt (, was sie charmant verneint), kurzum: sie ist ein Star. Und dabei so ganz anders als die anderen Stars. Sie ist schlank und jungenhaft, trägt ihre Haare kurz, ist brünett, nicht blond, die Anti-Marilyn, dabei stilbewusst, eine Mode-Ikone, die bis in die heutige Zeit hineinwirkt und deren Bild unverrückbar mit Breakfast at Tiffany’s verwoben ist; in der Romanvorlage von Truman Capote heißt es an einer (besonders schönen) Stelle:

Sie war immer noch auf der Treppe, erreichte jetzt den Absatz, und die kunterbunten Farben ihrer Jungshaare, goldbraune Strähnen, weißblonde und gelbe Streifen, leuchteten im Licht der Treppenlampe. Es war ein warmer Abend, beinahe Sommer, und sie trug ein enges, schlichtes schwarzes Kleid, schwarze Sandaletten und eine breite Perlenkette, die ihren Hals wie ein Reif umschloss. Bei all ihrer schicken Magerkeit strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und Zitronen-Reinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Es war ein Gesicht, das nicht mehr ganz in der Kindheit zu Hause war und schon einer Frau gehörte.

Es könnte eine Beschreibung von Audrey Hepburn sein, doch diese Rolle verlangte ihr, der Nachdenklichen, eine Menge ab: “I’m an introvert anyway”, sagt sie der New York Times. “Playing the extroverted girl in Breakfast at Tiffany’s was the hardest thing I ever did.” Ironischerweise verlangte Capote selbst nach der Monroe – und ärgerte sich schließlich über die Wahl des Regisseurs ebenso wie über die recht freie Umgangsweise mit der Romanvorlage, die – das würde man heute wahrscheinlich gar nicht anders machen – das offene Ende zu einem glücklichen verbiegt. Doch denkt man zuerst an eben diesen Film. Und wenn man das Buch liest, denkt man an Hepburn. Und wenn man an sie denkt, lächelt man verliebt in sich hinein.

Am 4. Mai wäre sie achtzig Jahre alt geworden. Im Fernsehen kann man sich am 3. Mai um 0.05 Charade in der ARD anschauen. Das ist eine doofe Uhrzeit. Besser also den Weg ins Frankfurter Filmmuseum antreten, dort werden vom 2. Mai an Breakfast at Tiffany’s, Roman Holiday, Sabrina, Love in the Afternoon, The Nun’s Story, Funny Face, My Fair Lady, Wait Until Dark, Always, The Unforgiven, War and Peace und Charade gezeigt. Was will man mehr?

Die neue taz

tazneuInhaltlich ist die tageszeitung schon lange eine ganz normale Zeitung. Agenturmeldungen in den Randspalten, namentlich gekennzeichnete Artikel in der Mitte, Hintergrundstücke und Reportagen, zwei Seiten Kommentare, Sport, politisch irgendwie leicht links der Mitte und manchmal mit leichtem Wehmut an frühere Zeiten, was ja auch nicht ungewöhnlich ist, wenn man gerade 30 geworden ist. Nun also ein neues Layout, in das einige unbezahlte Überstunden geflossen sein dürften; ein Layout, das beim Guardian abgeschaut worden sein soll, in Wahrheit aber irgendwie Rundschauesk rüberkommt. Aufgeräumt, seriös, tausendmal gesehen. 2,30 Euro kostet die Samstagsausgabe, da muss man am Kiosk nochmal im Portemonnaie kramen, um nachzulegen. Bekommt aber farbige Seiten und eine Sonntagsbeilage mit dem kindischen Namen sonntaz, die aber wirklich gut ist. Wie ein Magazin eben, nur auf billigem Zeitungspapier gedruckt. Achso, das mit der Rundschau: irgendwie dann doch komisch, dass FAZ und der Axel-Springer-Verlag jeweils eine ganze Seite mit Glückwünschen gebucht haben, die pseudolinke Konkurrenz aber nicht. Der fehlt wahrscheinlich die Kohle. Aber Springer hat auch so den besten Spruch: “Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?” steht in der Anzeige. So ist es.

Jetzt müsste die taz neben unterbezahlten Mitarbeitern nur auch noch Ein-Euro-Jobber als Botenjungen beschäftigen und das Abonnement wäre abgeschlossen, denn mal ehrlich: Postversand im Rhein-Main-Gebiet? Die Nachrichten von gestern würde man doch ganz gerne nicht erst am Abend erfahren. Obwohl man dann natürlich einen Cocktail zur Lektüre trinken könnte. Cin cin!

Sparsam sein

Die Tageszeitung Die Welt freut sich über die neue S-Klasse von Mercedes. Die habe sich nämlich den Titel “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” gesichert. Wer diesen Spitzentitel vergibt? Achso, naja, Mercedes selbst. Der Hybridmotor verbrauche nämlich nur 7,9 Liter und stoße lediglich 186 Gramm Kohlendioxid aus. Dass die Wörter “nur” und “lediglich” ein ökologischer Hohn sind, muss man nicht weiter erklären. Klar: ein 3,5-Liter-V6-Benzinmotor muss sein. Unter 250 PS geht gar nichts. Und dass solche Verbrauchswerte im Alltag kaum zu erreichen sind, wen kümmert’s? Hauptsache man hat die “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” im Angebot, damit sich die sparsamsten Millionäre der Welt durch ebendiese kutschieren lassen können, solange es noch Öl gibt. Das alles erinnert ein wenig an den Flugzeugbauer Airbus, der freudestrahlend vom Dreiliterflugzeug faselte, und den A380 zum sparsamsten Großflugzeug verniedlichte. Wobei drei Liter nur erreicht werden, wenn man das auf die Zahl der Passagiere umrechnet und diese in engen Economyreihen untergebracht sind. Das wäre doch auch mal eine Idee für die Vermarktung von Luxuslimousinen: schließlich passen in die S-Klasse locker vier Personen rein. Der Verbrauch pro Passagier sinkt auf “weit” unter zwei Liter. Und der Straßenkreuzer steigt zur sparsamsten Limousine (mit Benzinmotor) aller Zeiten auf. Auf diese Pressemitteilung hat die Welt-Redaktion gewartet.

Der deutsche Wald

Wald I

Der Wald heute ist Geschichte im Konjunktiv, unsere Gegenwart mit einem Fragezeichen – und das ist eben etwas anderes als Ironie. Der Wald hat heute eine eigene Präsenz, man könnte fast sagen, er hat sich von uns emanzipiert, er braucht uns nicht mehr, er hat uns schon zurückgelassen.
Georg Diez, Ein Mythos und sein Comeback, in: Die Zeit, 26.7.2007

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine, Die Harzreise, im Herbst 1824

Es ist ja richtig, dem wiederkehrenden Nationalismus die kalte Schulter zu zeigen. Längst ist die herbeifantasierte Leitkultur in den politischen Mainstream eingesickert, wir sind mal wieder wer beziehungsweise: waren; auch das hat diese Krise geschafft, von der die ganze Zeit zu hören ist. Doch das Gefühl, das ist doch da, manchmal. Einige haben es, wenn sie nach langem Auslandsaufenthalt eine Bäckerei betreten und Brotlaib an Brotlaib liegen sehen, während ihnen der Duft von Sauerteig entgegenschlägt, gemischt mit allerlei Süßigkeiten und Teilchen und dem Puderstaub von fettigen Berlinern.

Mir dagegen geht es ans Herz, durch den Wald zu laufen. Jetzt im Frühling ist er am Schönsten. An seinen Rändern zwitschern die Vögel und in seinem Innern wird er unheimlich und dunkel und so still, dass das Knarren der Wipfel im Wind zu hören ist, und nur wer den Blick dorthin erhebt, wo diese sich wiegen, der kann hier ein Mosaiksteinchen blauen Himmel, dort ein Steinchen vorbeiziehende Wolke erspähen. Sehr selten das Röhren eines Hirsches, die Tiere scheu, nur eine Taube hat sich unter dem verästelten Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes verheddert und schlägt die Flügel aneinander.

Wald II

In den achtziger Jahren hieß es, der Wald würde sterben. Bilder von entlaubten Ästen, von Stämmen, die wie abgebrannte Zündhölzer in den industriegrauen, bleischweren Himmel zeigten, der einen sauren Regenschauer nach dem anderen auf die gepeinigte Flora entließ. Es ist nicht ganz so schlimm, aber es ist auch nur unwesentlich besser geworden. Die Waldzustandsberichte, die die Bundesländer Jahr für Jahr veröffentlichen, sprechen eine deutliche Sprache, nur dringen sie nicht mehr auf die Titelseiten der Ilustrierten, sind sie kaum noch eine Randnotiz in der Tagesschau. Der deutsche Wald stirbt nicht, aber er ist krank, besonders in den Ballungsräumen, wo er von Autobahnen und Flughäfen begrenzt wird und das Knarren der Wipfel übertönt wird vom Rauschen der Motoren. Man kann dagegen nicht viel machen, denn die Menschen sehen zum Clubwochenende auf Mallorca ebensowenig eine Alternative wie zu einer Autofahrt im SUV.

Der Fortschritt, so heißt es, lasse sich eben nicht aufhalten. Und so werden einige hundert Hektar Wald fallen, damit eine neue Landebahn entstehen kann. Wir lieben die Asphaltdecke eben mehr als ein Blätterdach. Anderswo, so versichert man, werde aufgeforstet. Das bedeutet aber nicht, dass Straßen eingerissen und Industrien eingeebnet würden. Es werden Bäume gepflanzt, wo vorher Felder waren. Es ist nicht übel, aber es nicht das gleiche.

Wald III

Jetzt wo sich Regen und Sonnenschein abwechseln, hat ein alter, gewachsener Wald seinen ganz besonderen Duft. Da tritt man an eine Lichtung und die Sonne bricht sich Bahn und dann sieht man, wie einige hundert Meter entfernt Wolken aufsteigen aus dem dunklen Grün. “Da rauchen die Füchse”, sagt der Volksmund und man zweifelt daran ebensowenig wie an einem Hasen und einem Igel, die sich zu späterer Stunde dort “Gute Nacht” sagen werden. Wenn der Wind die sanften Hügel nimmt, dann rauscht es und die Regentropfen fallen auf den Spaziergänger hinab. In Erdlöchern sammelt sich Regenwasser und wenn man ganz genau hinsieht, dann erkennt man, wie sich darin die Bäume spiegeln, während das Wasser kleine Blasen wirft. Es ist egal, ob der Spaziergänger nun da wäre oder nicht. Das alles passiert, auch wenn es niemand sieht. Deswegen kann im Wald alles mögliche passieren, deswegen die Mythen.

Wald IV

Es gibt noch soviel Wald, dass ein paar hundert Hektar lächerlich wirken. Rund 11 Millionen Hektar, ein Drittel des Landes, sind von ihm bedeckt. Es ist nicht nur typisch für dieses Land, dass es eine Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gibt. Es ist auch typisch, dass diese Zahl aus der Bundeswaldinventur von 2003 stammt. Alles ist vermessen. Nur das Gefühl ist nicht in Tabellen zu gießen.

Lokal bloggen (und dabei Geld verdienen)

Ich bin immer noch leicht fasziniert von der Idee der New York Times, einen lokalen Blog ins Leben zu rufen. Hello? Die New York Times lässt sich herab, weit herab, weiter als der Lokalteil der Zeitung, der natürlich schon großartig ist, aber wahrscheinlich irgendwie querfinanziert durch den überregionalen Teil. Die Idee ist ein Stadtteilblog und schon die Idee der Finanzierung dürfte bei hiesigen bundesweiten Klickmaschinen und vor sich hinpusselnden Regionalportalen Kopfschütteln hervorrufen: Anzeigen – wie bitte soll das funktionieren, bei einer Zielgruppe, die nur einige zehntausend Menschen umfasst? Wo sollen da die Klicks herkommen?

Nun, die Klicks sind nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist der gute Name der New York Times, der die Einzelhändler, die kleinen Läden und Lokale vor Ort davon überzeugen soll, mehr Geld für eine Anzeige zu schalten als gemeinhin üblich. Google-Guru Jeff Jarvis hat die Zusammenhänge ganz schön zusammengefasst, in dem er feststellt, dass die meisten Kleinunternehmer gut daran täten, Anzeigen in einem neuen Umfeld als in Lokalzeitungen zu schalten, doch nur wenige bisher die Vorteile klar vor sich sehen.

The assumptions I so often hear about local advertising – it doesn’t work; it doesn’t pay enough; small businesses are ignorant – need to be updated. The assumption that most needs to be updated is that a business needs an ad. It may need other tools to be found in search and to reach the right people and to improve relationships with them. All that may count as marketing, but not necessarily with an old ad in a new medium.

Okay, noch ist es nicht so weit. Die NYT gibt sich noch ziemlich selbstkritisch, ob es den den Stadtteilblog mit einem angestellten Redakteur wirklich gegenfinanzieren kann, die Ideen, wie das funktionieren könnte, sollen am Besten gleich die Leser haben, wie Jim Schachter bei TechCrunch schreibt:

We expect to sell ads to local merchants using our telesales and self-serve ad solution. Our two pilot sites are staffed with full-time NYTimes reporters. That’s not cheap. Obviously, it’s also not a sustainable model. We’re trying to figure out what would be. Can we create a combination of journalism, technology and advertising that people who don’t work for us can adopt? How much or how little oversight by us would be needed to keep the quality high? Would people pay to be associated with us? Would there be enough revenue that some split between us and a non-NYT blogger would work? I’d love to know what readers here think.

Gute Fragen. Ich denke, dass es funktionieren könnte, wenn man noch einen Anzeigenverkäufer engagiert, der die Geschäfte wirklich offensiv abklappert und den ganzen Gratiszeitungen das Geschäft streitig macht, die oft übervoll mit Billiganzeigen in den Briefkästen (oder neben der Altpapiertonne) liegen. Es wird nicht einfach sein, den Wechsel für die Geschäftsleute zu begründen, doch wenn der Blog durch seine Geschichten Stadtteilgespräch werden kann, dann kann daher durchaus ein monetärer Gewinn stehen.

Mich macht nur eines stutzig: Frankfurt sollte mit seiner internationalen, weltoffenen und technikaffinen Bevölkerung eigentlich schon jetzt einige hundert Blogs vorweisen können, Privatmenschen, die über die Stadt, über das, was sie bewegt, was sie ärgert und freut berichten. Doch davon ist nichts zu sehen. Frankfurt ist, was lokalen Citizenjournalism angeht so gut wie tot. Solange nicht private Blogs aus dem Boden sprießen, die sich ganz Frankfurt widmen, wird es schwierig sein, einen Nordend-Blog zu etablieren. Das ist schade. Auch für die öffentliche Meinungsbildung in einer Stadt wie Frankfurt.

Tim wer?

Es ist mit Sicherheit nicht die fragwürdigste Leistung, die in den vergangenen Tagen in den Medien zum Amoklauf zu beobachten war, aber … Auf seinem Titelbild gibt sich der Spiegel noch geheimnisvoll. “Der Amoklauf des Tim K.”, heißt es dort. Im Inneren der Zeitschrift geht man weniger zimperlich mit dem Nachnamen des 17-Jährigen um. Der Spiegel ist längst nicht das einzige Medium, das den vollen Namen von Tim nennt. Süddeutsche, Stern, n-tv – fast alle machen mit. Die FAZ zum Beispiel nicht und die tageszeitung auch nicht. Ich finde das löblich. Gut, der Junge ist tot, da könnte man auch argumentieren: seine Persönlichkeit ist nicht mehr. Soweit ist rechtlich alles in bester Ordnung. Doch was ist mit den Hinterbliebenen von Tim.

Die ausländischen Medien scheren sich schon mal gar nicht um deren Rechte. Die englische Times etwa nennt die vollen Namen der Eltern und die der Großeltern. Wahrscheinlich haben sie ihre Telefonnummern bereits geändert, denn man mag sich gar nicht ausmalen, wieviele Menschen die Onlineauskunft der Telekom genutzt haben und dort Tims Nachnamen und Winnenden eingegeben haben.

Die Adressen stehen dort auch, aber nachdem die Medien noch Tage nach der Tragödie das Haus abfilmten, in dem der Mörder aufwuchs, weil daraus bekanntlich wichtige Informationen über die Motive entstehen, geht das alles schon in Ordnung. Innerhalb der Wikipedia hat man sich mittlerweile entschieden, Tims vollen Namen wieder zu entfernen.

Was bringt es dem Leser, dem Zuschauer oder Zuhörer, wenn er den vollen Namen des Täters erfährt? Verändert es die Sicht auf die Ereignisse? Gebieten es die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus, den vollen Namen zu nennen? Nein, nein, nein. Es stimmt ja: Tote können sich nicht äußern, sie können nicht mehr sagen: bitte, veröffentlichen sie meinen Namen nicht, sie sind wehrlos und vielleicht ist es mal eine philosophische Überlegung wert, ob Tim damit ein wenig zu einem Opfer gemacht wird. Oder es wurde hier ein offenes Geheimnis gelüftet, weil man sonst so wenig herausgefunden hat, dass auch in einer dutzend Seiten starken Spiegel-Geschichte nicht viel mehr herauskommt, als dass man mehr auf Jugendliche achten muss und Verbote nichts bringen. Immerhin ist Tim nun weltweit namentlich bekannt. Auch eine Leistung … der Medien.