Tim wer?
Es ist mit Sicherheit nicht die fragwürdigste Leistung, die in den vergangenen Tagen in den Medien zum Amoklauf zu beobachten war, aber … Auf seinem Titelbild gibt sich der Spiegel noch geheimnisvoll. “Der Amoklauf des Tim K.”, heißt es dort. Im Inneren der Zeitschrift geht man weniger zimperlich mit dem Nachnamen des 17-Jährigen um. Der Spiegel ist längst nicht das einzige Medium, das den vollen Namen von Tim nennt. Süddeutsche, Stern, n-tv – fast alle machen mit. Die FAZ zum Beispiel nicht und die tageszeitung auch nicht. Ich finde das löblich. Gut, der Junge ist tot, da könnte man auch argumentieren: seine Persönlichkeit ist nicht mehr. Soweit ist rechtlich alles in bester Ordnung. Doch was ist mit den Hinterbliebenen von Tim.
Die ausländischen Medien scheren sich schon mal gar nicht um deren Rechte. Die englische Times etwa nennt die vollen Namen der Eltern und die der Großeltern. Wahrscheinlich haben sie ihre Telefonnummern bereits geändert, denn man mag sich gar nicht ausmalen, wieviele Menschen die Onlineauskunft der Telekom genutzt haben und dort Tims Nachnamen und Winnenden eingegeben haben.
Die Adressen stehen dort auch, aber nachdem die Medien noch Tage nach der Tragödie das Haus abfilmten, in dem der Mörder aufwuchs, weil daraus bekanntlich wichtige Informationen über die Motive entstehen, geht das alles schon in Ordnung. Innerhalb der Wikipedia hat man sich mittlerweile entschieden, Tims vollen Namen wieder zu entfernen.
Was bringt es dem Leser, dem Zuschauer oder Zuhörer, wenn er den vollen Namen des Täters erfährt? Verändert es die Sicht auf die Ereignisse? Gebieten es die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus, den vollen Namen zu nennen? Nein, nein, nein. Es stimmt ja: Tote können sich nicht äußern, sie können nicht mehr sagen: bitte, veröffentlichen sie meinen Namen nicht, sie sind wehrlos und vielleicht ist es mal eine philosophische Überlegung wert, ob Tim damit ein wenig zu einem Opfer gemacht wird. Oder es wurde hier ein offenes Geheimnis gelüftet, weil man sonst so wenig herausgefunden hat, dass auch in einer dutzend Seiten starken Spiegel-Geschichte nicht viel mehr herauskommt, als dass man mehr auf Jugendliche achten muss und Verbote nichts bringen. Immerhin ist Tim nun weltweit namentlich bekannt. Auch eine Leistung … der Medien.

19. März 2009 um 06:55
Meine Freundin hat beim Presserat eine Rüge gegen den Spiegel eingereicht. Es geht ums Cover. Tim K. war minderjährig, und bei Minderjährigen müssen die Eltern der Veröffentlichung von ungepixelten Fotos zustimmen. Es geht um die Frage, ob der Spiegel zur Stärkung der Auflage jedes Persönlichkeitsrecht außer Kraft setzen kann.
19. März 2009 um 10:10
Wozu diese Geheimniskrämerei? Hier geht es längst nicht mehr um Persönlichkeitsrechte. Der Name des Täters konnte kein Geheimnis bleiben und ist keines mehr. Es ist wichtig die Dinge beim Namen zu nennen. Bei einer solchen Tat hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf zu erfahren, wer die Tat begangen hat. Ob der Name nun genannt wird oder nicht: Die Eltern des Kindes haben es auch so schwer genug – man kennt ihre Adresse längst und ein Leben in Frieden wird wohl kaum noch möglich sein. Der einzige Grund, den Namen nicht zu nennen und das Gesicht des Täters nicht zu zeigen ist, nicht zuzulassen, dass diesem Menschen die Aufmerksamkeit zukommt, die ihm zu Lebzeiten nicht wiederfahren ist und die er mit dem Amoklauf erreichen wollte. Aber dafür ist es zu spät. Darin liegt der Widerspruch: Das beste was man tun kann, ist nicht zu berichten, aber angesichts der Wichtigkeit der Ereignisse muss man es doch.
Tim K. hat bekommen was er wollte. Seinen Namen erfahren zu dürfen ist für die Öffentlichkeit eine angebrachte wenn auch wenig tröstliche Gegenleistung.
20. März 2009 um 18:21
Es ging nicht um den Namen, sondern um das Foto auf dem Cover. Mich interessiert, ob Jugendliche unter 18 kein Recht mehr an ihrem Bild haben, wenn sie nicht mehr zustimmen können. Der Spiegel legt bei Fragen zum Recht die politische Messlatte sehr hoch, also sollte er sich auch daran messen lassen, anstatt Quote zu machen.