Nichts Besonderes
11 Okt

Gerade habe ich den IQ-Test im Zeitmagazin gemacht. IQ steht in diesem Fall für Individualitätsquotient, die Skala reicht von 0 bis 100. Ergebnis: ich bin, mit einer Punktzahl von 51, “perfekt”. Ja, wirklich. Perfekt, weil ich mich nicht nach einem Handy sehne, mit dem man “nur telefonieren” kann, weil ich Leipzig nicht “schon toll” finde und Latte-macchiato-Trinker nicht nervig (wahrscheinlich weil ich selbst manchmal dazuzähle). Wie auch immer: perfekt heißt, dass ich individuell genug bin. Was auch immer das heißen mag. Übrigens hört sich der Test genauso langweilig an, wie er ist, weil man natürlich erst schaut, wie man IQ-Punkte sammelt und dann vollkommen voreingenommen den Test macht und hinterher überhaupt nicht überrascht ist. Das traurige ist auch: der Test ist noch das spannendste am aktuellen Zeitmagazin. Es gibt ein langweiliges Interview mit Thees Ullmann von Tomte, der in einem Lied die “Zeit” erwähnt, weswegen er nun interviewt wird. Es gibt ein fiktives Interview mit Leonardo da Vinci, und weil fiktive Interviews für Leser immer ärgerlich sind, ist es noch ärgerlicher, das dafür stolze zehn Seiten ausgegeben werden. Liz Mohn hat einen Traum. Eine nutzlose Modestrecke über neue Krawattenmodelle (liest wahrscheinlich nur Stefan von Holtzbrink). Einen Atelierbesuch. Einen Cabriotest, der genau rechtzeitig zum Ende der Cabriosaison kommt. Eine Stilkolumne, die fragt, warum Frauen Schluppenblusen tragen, wobei ich noch nie eine Frau gesehen habe, die Schluppenblusen trägt und nun die nächste Stilkolumne bittesehr die Frage umkreisen sollte, in welchem Paralleluniversum der Stil-Redakteur lebt. Dann die wie immer überflüssige Kolumne von Wolfram Siebeck, der diesmal nicht rät, in Kartoffelbrei ein Pfund Butter zu kippen, damit er schmeckt, sondern dass es in einer Küche ordentlich sein sollte. Und schließlich das Interview mit dem greisen Helmut Schmidt, der diesmal darüber redet, dass Abgehörtwerden gar nicht so schlimm ist, sondern: “Zum Kotzen. Es stört mich aber nicht sonderlich: denn wirklich wichtige Gespräche führe ich nicht per Telefon.” So einfach ist das. Die Kolumne von Harald Martenstein beschäftigt sich diesmal mit einem Leser, der die schöne Angewohnheit hat, Artikel auf ihren letzten Satz hin zu überprüfen, wobei manche letzte Sätze tatsächlich sehr schön, andere sehr schaurig sind. So ist es auch beim Zeitmagazin, hier sind sie, in chronologischer Reihenfolge:
- Der Grund dafür, dass letzte Sätze meistens danebengehen, sei folgender.
- Funktioniert super.
- Lebe Wohl!
- Wir müssen.
- Wenn man dann das nächste Mal gefeuert wird und mit dem vollen Pappkarton in Händern auf der Straße steht, sieht man dabei wenigstens gut aus.
- Irgendwann wird dieses Ding seinen Platz in der Kunst finden.
- Drei lange Tage wird die Auktion dauern.
- Erster Vorschlag für einen Kosenamen: iPödchen.
- Nicht einmal der Teufel guckt sie gern lange an.
- Nur?
- Denn wenn Lars wirklich in die Fußstapfen seines Vaters tritt, muss sich Marita fragen, ob sie ihn so lieben kann.
- Das ist ein ekelhafter Nebeneffekt des elektronisch-technischen Fortschritts.
So bin ich also nicht schlauer geworden beim Lesen des Zeitmagazins, aber ich weiß nun: wenigstens ich bin perfekt.

na dann können wir gleich rezeptionserfahrungen teilen: ICH bin auch perfekt. 64 punkte. allerdings ohne vorher zu gucken, wie die auflösung geht, weil ich mir nicht den spaß verderben wollte. ich finde es ja eine ausgemachte frechheit, so einen quatsch als “titelgeschichte” zu verkaufen und gefühlte 10 seiten dafür auszugehen.
dazu kommt noch die wahnsinnig großartige titelidee. wenn ich groß bin, will ich auch art-director werden… andererseits: wir haben den quatsch mitgemacht.
Jemand der sich “neosushi” nennt, muss natürlich über die Arbeit von Herrn Siebeck lästern.
“So bin ich also nicht schlauer geworden beim Lesen des Zeitmagazins, aber ich weiß nun: wenigstens ich bin perfekt.”
Das wussten wir doch schon immer, Nils ….