Eine exklusive Liebe
1 Mrz
Der erste Gedanke müsste sein: bitte nicht noch so ein Buch über Holocaust-Überlebende. Ich weiß, schon klar: es ist politisch unkorrekt so zu denken, aber es ist nun mal so. Mich regen auch die ständigen Dokumentationen auf Phoenix auf: immer nur Hitler, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz.
Doch diesmal ist alles anders. Der erste Gedanke kommt gar nicht erst auf. Der erste Gedanke ist: was für ein seltsamer Titel. “Eine exklusive Liebe.” Was soll das heißen, exklusiv? Der zweite Gedanke: Adorján, wie man das wohl richtig ausspricht? Ich entscheide mich für französisches “J” und rollendes “R”. Es macht Spaß, den Namen laut zu sprechen. Doch zurück zum Buch.
Es beginnt mit dem Selbstmord der Großeltern der Autorin. Das ist wirklich der erste Satz. “Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.” Johanna Adorján phantasiert sich den letzten Tag zusammen, vom Aufstehen bis zum endgültigen Schlafengehen. Dazwischen Episoden der Recherche. Gespräche mit Freunden der Großeltern, Weggefährten, Nachbarn. Gedankenspiele, Vergleiche, Anekdoten.
Das Buch endet mit dem Selbstmord der Großeltern. Ein Polizeibericht ist zu lesen. Es ist alles sehr traurig. Und gleichzeitig wunderschön. Die Toten halten sich, zugedeckt im Bett liegend, die Hände. Es klingt kitschig, aber wenn man das Buch gelesen hat, dann versteht man, dass es gar nicht anders geht. Dann versteht man auch den Titel, es ist wahrhaftig eine exklusive Liebe, die die beiden verbindet. Und man glaubt zu ahnen, wieviel Kraft es gekostet haben mag, dieses Buch zu schreiben, und das so manche Träne über das Manuskript vergossen wurde.
Als ich fertig war mit dem Buch, da fing ich an, es noch einmal von vorne zu lesen. Vielleicht, weil das Buch kein Roman ist, sondern eine Lebensgeschichte, die so skurril und zugleich universal wirkt, dass es einen nicht loslässt. Wenn man das Buch wieder von vorne liest, dann werden die Figuren wieder wach, so als ob das Schlafmittel nie gewirkt hätte.
Das hört sich jetzt alles so düster an. Doch das ist es gar nicht. Es gibt auch leichte und lustige Momente. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel die alte Erzsi in Budapest mit ihrer überdimensionalen Brille. Oder die halbfrivolen Sprüche des Großvaters (“Meine Frau hat Beine wie eine Gazelle. Schlank und behaart.”). In Erinnerung bleibt auch, wie das Buch in der Straßenbahn nach unten sinkt, weil es ein leises Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat, so schön ist es manchmal in seiner einfachen klaren Sprache.
Niemand liebt mich, man kann mich nicht lieben: Das ist meine tiefste Überzeugung, zugleich meine größte Angst, und wenn ich ihr bis ganz hinab folge, führt sie mich zu dem Gefühl, das mir vertraut ist wie kein anderes: Ich bin ganz allein. Es ist, als hätte Erzsi mir einen Schatz geschenkt. Was für eine Neuigkeit – meine Großmutter fühlte wie ich? Am liebsten würde ich auf der Stelle alle Menschen anrufen, die ich kenne, und ihnen allen sagen: Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin nur die Enkeltochter meiner Großmutter. Sie hatte es auch. Sie war wie ich. Ich bin wie sie. Hurra. Ich könnte Erzsi umarmen, ich würde sie am liebsten hochheben, diese zierliche kleine Person, und mit ihr durchs Zimmer tanzen. Ich tue es nicht. Zu sehr überwältigt mich diese neue Erkenntnise, zu sehr rührt sie an mein Innerstes. Außerdem würde sie vielleicht gar nicht so gerne hochgehoben werden. Ich bleibe also sitzen und tue so, als ob nicht wäre.
Was bleibt von einem Menschen, wenn er tot ist. Ein paar gesammelte Erinnerungen. Verblassende Fotos in einem Schuhkarton. Behördenpapiere. Im besten Fall: ein Buch wie dieses.
PS: Über die Banderole, die das Buch umschließt, habe ich hier geschrieben.

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