archiv | September, 2009

Zwei an einem Tag

30 Sep

zwei_an_einem_tagEmma und Dexter. Dex und Em. Eine Liebesgeschichte in Schlaglichtern geschildert, Immer nur ein Tag, der 15. Juli, 20 Jahre lang. Zwei Menschen, die ein Kuss an einer englischen Straße bindet, die sich anziehen, die eigentlich nicht ohne einander können, aber das Leben besteht nun einmal aus verpassten Chancen. Emma arbeitet in einem schmierigen Texmex-Lokal, träumt vom Schriftstellertum. Dexter reist erstmal um die Welt, nach Indien und überhaupt, es sind die 80er, er lernt eine Producerin kennen, stolpert ins Fernsehen, verliert die Bodenhaftung, seinen Witz, die Selbstironie.

Em und Dex. Wenn sie zusammen sind, dann sprühen die Dialoge vor Humor und Zuneigung. Und wenn sie nicht zusammen sind, dann schreiben Sie sich die schönsten Dinge, so richtig auf Papier und in Luftpostbriefen, die dann tagelang, manchmal mit Kussmund, unterwegs sind; es ist kurz gesagt einfach unfassbar, warum die beiden nicht zusammen sind.

Gelegenheiten, die vorbeiziehen. Da schreibt Dexter einen Liebesbrief, keinen schleimigen, keinen fordernden, sondern einen Liebesbrief, der zögert, weil er nicht zu weit gehen will, aber immerhin soweit geht, zu sagen: brich Deine Zelte im Ekelrestaurant ab, komm nach Indien, ins Land der Darmbeschwerden.

Ich suche mir einen Briefkasten und schicke den Brief ab, bevor ich es mir anders überlege. Nicht, weil ich es für eine schlechte Idee halte, wenn Du herkommst – es ist eine tolle Idee, und du musst kommen – sondern, weil ich vielleicht zuviel geagt habe. Tut mir leid, wenn dich das hier auf die Palme bringt. Die Hauptsache ist, dass du weißt, dass ich oft an dich denke, das ist alles. Dex und Em, Em und Dex. Nenn mich sentimental, aber es gibt niemanden, den ich lieber mit Dünnpfiff sehen würde als dich.

Dex und Em. So gehen die Jahre ins Land. Erwachsenwerden, erste Jobs, ernste Liebeleien. Dex nimmt Drogen, hat viele Frauen. Sie verkrachen sich. Die Mutter, sie stirbt viel zu früh, er ist noch nicht mal dreißig und natürlich wird er nur schwer damit fertig, vor allem, weil er zuviel damit zu tun hat, nicht nüchtern zu bleiben und Zigarettengirls mit Strapsen in Nobelclubs anzumachen. Und natürlich geht auch das vorbei und dann finden sie sich wieder. Emma und Dexter. James Salter wird zitiert:

Manchmal ist man sich der großen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso.

Hochzeiten, natürlich treffen sie sich mit Anfang dreißig auf Hochzeiten wieder. Und er heiratet auch. Natürlich nicht Emma. Sondern eine kühle Blonde, kann ja nicht gutgehen, aber ein Kind, das gibt es noch, bevor sie mit seinem Freund abhaut, der ihm auch noch einen Job gegeben hat, weil er seine Fernsehkarriere am Arsch ist. Und Em, die ist Lehrerin geworden und vögelt mit dem anderweitig verheirateten Direktor nach Schulschluss und fragt sich dabei, wie wohl sein Gesicht aussieht, das hinter einem Vollbart versteckt ist. Sie wird es nicht erfahren. Scheidung. Drama. Und dann, soviel darf man vorwegnehmen, weil das ganze Buch auf diesen Augenblick hinarbeitet, klappt es doch noch endlich mit Em und Dex, mit Dex und Em. Mit Dex, den es aus dem Fernsehen gespült hat. Und Em, die an der Schule gekündigt hat und nun tatsächlich Erfolg als (Kinderbuch-)Autorin hat. Glück. Wer es dabei belassen möchte (vor allem, achtung, es ist die Zeit der Herbstdepression), der sollte das Buch nach dem dritten Teil einfach mit einem Lächeln zur Seite legen. Er endet so:

Sie lächelten sich an. Dann, als wäre es ihr gerade erst eingefallen, war sie mit drei schnellen Schritten bei ihm, nahm sein Gesicht, küsste ihn, und er legte ihr die Hände auf den Rücken, entdeckte, dass der Reißverschluss noch offen stand, die nackte Haut noch kühl und feucht war vom Duschen. Sie küssten sich eine ganze Weile. Dann, sie hielt immer noch sein Gesicht, sah sie ihn eindringlich an. “Wenn du mich verarschst, Dexter.” “Mach ich nicht …” “Das ist mein Ernst, wenn du mir was vormachst, mich im Stich lässt oder hintergehst, dann schwöre ich bei Gott, ich reiß dir das Herz raus.” “Das mache ich nicht, Em.” “Wirklich nicht?” “Wirklich nicht, ich schwöre” Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, schlang wieder die Arme um ihn, schmiegte das Gesicht an seine Schulter und gab ein Geräusch von sich, das fast wütend klang. “Was ist los?”, wollte er wissen. “Nichts. Ach nichts. Nur …” Sie sah zu ihm auf. “Ich dachte, ich wär dich endlich los.” “Ich glaube, das kannst du gar nicht”, sagte er.

Und “Schluss!” würde man denken, ein schönes Buch, ein sehr lustiges und manchmal tieftrauriges, echtes Buch, nah am Leben und romantisch, aber nicht zu sehr, als dass es nerven würde und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Doch es ist nicht Schluss. Es geht weiter, nicht unbedingt schlecht geschrieben oder den Faden verlierend, nein, das ist es nicht. Doch, man muss das hier mal sagen, warum, lieber Mister Nicholls, warum darf ein Buch nicht einfach mal gut enden. Weil Hollywood alle guten Enden schon geschrieben hat? Weil man kein RICHTIGER Schriftsteller mehr ist, wenn irgendwann nicht doch noch die Abzweigung Richtung Tragik findet? Das hört sich jetzt alles sehr böse an, aber so ist es gar nicht gemeint.

Diese Anklage spricht ja für das Buch (die ersten drei Kapitel): selten ersehnt man sich ein glückliches Ende so sehr wie hier. Verdammt, Nick Hornby lobt dieses auf dem Schutzumschlag und welches Nick-Hornby-Buch endet denn bitteschön in Tränen? Der Vergleich ist übrigens auch aus anderen Gründen nicht falsch, denn in Sachen Zynismus, Ironie und ernsten, wahrhaftigen Feststellungen wie auch den keinesfalls unangebrachten Querverweisen zur Popkultur ähneln sich die beiden schon sehr. Vielleicht hilft es, einfach wieder an den Anfang des Romans zurückzukehren, dort wird nämlich Charles Dickens zitiert, Große Erwartungen:

Dies war für mich ein denkwürdiger Tag, da er gewaltige Veränderungen in mir bewirkte. Doch das gibt es in jedem Leben. Man stelle sich vor, ein ganz bestimmter Tag würde daraus gelöscht, und überlege dann, wie anders dieses Leben verlaufen wäre. Du, der du dies liest, halt ein und denke für einen Augenblick an die lange Kette aus Eisen oder Gold, aus Dornen oder Blumen, die dich niemals gefesselt hätte, wäre nicht an einem denkwürdigen Tage ihr erstes Glied geschmiedet worden.

Könnte einen versöhnen. Theoretisch.

Des Spiegels Mut

21 Sep

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Das Magazin Spiegel beweist Mut – und Finanzkraft. Denn ein solches Wechselcover, das je nach Blickwinkel mal Merkel mal Steinmeier zeigt und wie es seit heute am Kiosk liegt, dürfte dann doch die Gewinnmarge pro Heft ein wenig nach unten drücken. Dafür aber die Verkaufszahlen hoffentlich kräftig in die Höhe. Denn Publikumszeitschriften in Deutschland setzten bislang was ihr Titelbild angeht auf ein Motto, dass Angela Merkel für ihre Neuauflage eines Adenauer-Wahlkampfs wieder aus der Mottenkiste geholt hat: keine Experimente! Zeit für eine kleine, subjektive Rückschau auf die mutigsten Cover-Ideen des Druckgewerbes.

1. Humanglobaler Zufall hieß das große Werk des Axel-Springer-Konzerns. Ein Experiment, das letztlich nach vier Ausgaben scheiterte. Ein Experiment, das in Sachen Illustriertengestaltung aber Maßstäbe setzte, weil Rendite keine Rolle spielte. Die erste Ausgabe: mit Gold auf dem Cover und mit einem roten Lesefaden. Die zweite Ausgabe: etwas langweiliger mit fühlbaren Klebeecken auf dem Cover. Die dritte wieder ganz groß mit einem Wechselcover, mit dem sich auch der Spiegel jetzt feiert (wobei die Hausmitteilung des Nachrichtenmagazins schon korrekt schreibt, in dieser Größe und in dieser Auflage hätte es das noch nicht gegeben). Auf der vierten Ausgabe dann: ein Thermocover, dass sich verändert, wenn es mit warmen Fingern befühlt wird. Mal sehen, ob sich der Spiegel an sowas rantraut.

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2. National Geographic ist ein Magazin, das schon in den 80er-Jahren Fotografien, große Reportagen und Infografiken in einer Opulenz zeigte, wie man sie selbst heute nur selten findet. Und es ging, ebenfalls bereits in den 80er-Jahren erstaunliche Wege der Covergestaltung. 1984: ein Cover mit einem integriertem Hologramm, das einen Adler zeigt. 1985: ein noch größeres Hologramm. Und 1988 schließlich der absolute Wahnsinn: ein kompletter Umschlag als Hologramm, sogar die Anzeige auf der Rückseite war als solches gestaltet, ein Hingucker am Kiosk und danach nie wieder irgendwo gesehen. Wahrscheinlich waren Hologramme irgendwie auch so ein Ding, das in den 90ern furchtbar out war, denn fortan fristeten die regenbogenfarbnen Silberlinge ihr Dasein auf Kreditkarten und Waren, deren Authentizität der Hersteller beweisen wollte.

3. Esquire Magazine! Okay, inhaltlich nicht wirklich prall, Männermagazin eben, da kann man, leider, nicht viel Anspruch erwarten. Mit seinen Covern aber stets auf der Höhe der Zeit (und weit entfernt von den billigen Anmachen der Kollegen von Maxim oder FHM) und ohnehin mit einer famosen Geschichte, die ohne Ikonen wie George Lois nicht denkbar wäre. Im vergangenen Jahr dann dreht man richtig auf – und verkaufte ein Cover mit elektronischer Tinte. Technologisch ganz weit vorne und eine schöne Idee, die auch interessant aussah (wie dieses Youtube-Video zeigt), die derart ausgestattete Luxusauflage von 100.000 Heftchen kostete aber gleich zwei Dollar mehr als die normale Variante, hatte ein beinhartes Cover und eine Batterie, was unter Umweltgesichtspunkten ein Frevel ist, denn am Schluss sind die zerlesenen Magazine nämlich bestenfalls im Altpapier gelandet. Ansonsten liefert Wired den besten Kommentar zum E-Ink-Esquire:

Wake us when print media gets close to something we saw much closer to the actual beginning of the 21st century in 2002’s “Minority Report,” when newspaper headlines changed dynamically during the morning commute.

Außerdem, so Wired, habe das Time Magazine gezeigt, wie man ein aufregendes Cover ohne großen Aufwand produziere: dort arbeitete man einfach eine spiegelnde Oberfläche ein, um zu zeigen, wer der Mensch des Jahres ist: You!

Unnützes Wissen: die Wackelbild-Technologie des Spiegel heißt Lenticularfolie oder Linsenfolie. Nicht unbedingt eine neue Technik. Jetzt fehlt nur noch, dass jemand die Stereogramme aus den 90er-Jahren wieder hervorholt. Sie erinnern sich?