Monatsarchiv für Mai 2009

 
 

Wie man eine Schusswaffe loswird

walther

Es geht alles ganz einfach. Ordnungsamt, Tür auf, Waffenschein, Waffe, Munition auf den Tisch, der Beamte zieht eine Kopie, schreibt dann ins Original das Abgabedatum, durchladen, nachgucken, Munition, aha, ja gut, dann vielen Dank auch. Die (geerbte) Walther PPK meines Vaters liegt nun in einem Safe und irgendwann wird sie abgeholt und ins Landeskriminalamt gebracht, wo man wahrscheinlich entscheidet, sie zu recyclen, also einzuschmelzen. “Schade drum”, meint der Beamte, weil Walther ja eine gute Firma sei. Heute möchte sie dennoch niemand mehr haben, keine Sportschützen, keine Sammler, weil es tausende von ihr gibt und fast vierzig Jahre alt ist sie nun auch bereits. In diesem alten Hamburger Tatort mit Manfred Krug da könne man die noch sehen, aber die Polizei benutze die schon lange nicht mehr. Dennoch, eine gute Waffe. Es stimmt ja auch, die Pistole liegt fest in der Hand, sie ist mechanische Ingenieurskunst und doch soviel mehr als das. Nämlich eine Möglichkeit zum Mord.

browning

Etwa zehn Millionen registrierte Schusswaffen gibt es in Deutschland, heißt es in Zeitungsartikel von 2005. Nach dem jüngsten Amoklauf war von acht Millionen die Rede, was nichts anderes heißt als: so genau weiß man es nicht. Der Amoklauf war auch der, entschuldigung, Startschuss für eine Gesetzesinitiative, aus der wieder nichts wurde. Warum das so ist, kann man wunderbar in der aktuellen Zeit nachlesen. Da heißt es unter anderem:

Die Gesetzesmacher berieten sich (…) mit den Gegnern einer Verschärfung. Befürworter kamen dagegen nicht zu Wort. Wer etwa SPD-Verhandlungsführer Körper fragt, ob er denn auch mit der Gegenseite gesprochen habe, bekommt eine kurze Antwort: “Welche Gegenseite? Wir haben keinen öffentlich wirksamen Gegenpol in der Debatte.”

Nunja: es gibt zumindest keinen offiziellen Ansprechpartner. Es gibt keine Vereine und keine Verbandsvorsitzenden. Aber es gibt so etwas wie eine öffentliche Meinung. Da wäre zum Beispiel diese Emnid-Umfrage:

78 Prozent wollen Gewehre und Pistolen in Privathaushalten generell verbieten. Nur 20 Prozent sind gegen einen solchen Schritt.

Die Jagdverbände und die Schützenvereine ärgerte dies. Sie schickten Briefe an die Politiker und brachten so alle Vorschläge zum Fall. Ein Amoklauf, so ihr Argument, hätte durch nichts verhindert werden können. Außerdem würden nun alle Menschen mit einer Waffe unter Generalverdacht gestellt. (Der saarländische Jägermeister verglich das damit, dass der Besitz eines Autos ja auch nicht … undsoweiter wofür er sich später immerhin entschuldigte.) Der Deutsche Jagdverband ist jedenfalls recht stolz auf sich und seine Mitglieder:

Einzelne Jäger haben den DJV-Protestbrief innerhalb von 9 Tagen 3.000 Mal aus dem Internet heruntergeladen, um ihre Bundestagsabgeordneten anzuschreiben. Das alles zusammen zeigte Wirkung.

Den besten Kommentar zu der nun erfolgten “Verschärfung” des Waffenrechts, die unter anderem das Verbot von Paintball-Spielen vorsieht, erschien in der Süddeutschen:

Die Verschärfung des Rechts sieht nun also so aus, dass man mit Waffen, die nicht scharf sind, nicht mehr schießen darf, sehr wohl aber ohne Restriktion mit scharfen Waffen.

nobel

Man könnte auch von einem Versagen der Politik sprechen. Denn die Frage, warum man mit Mordwaffen (denn zu nichts anderem werden sie konstruiert) auf Zielscheiben schießen muss, um Sport zu treiben, konnte die Große Koalition nicht beantworten. Reichen nicht auch Luftgewehre und -pistolen? Egal, wie gut eine Waffe in der Hand liegt, egal, wie “schön” das Gefühl sein mag, ihren Rückstoß und ihre Macht zu spüren, in Privatbesitz gehört weder Klein- noch Großkalibriges. Zynisch gesagt, kann man nur hoffen, dass der nächste Amoklauf nicht in ein Wahljahr fällt. Dann gäbe es vielleicht eine Chance für ein Verbot von Kleinwaffen. Bis dahin müssen wir unsere Waffen eben selbst zur Schmelzanlage bringen. Und vielleicht sollten wir einen Verein gründen, der sich für ein solches Verbot einsetzt. Damit die Politiker zu ihren Beratungen auch jemand hinzuziehen können, der nicht zur Waffenlobby gehört.

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

schlingensief-cover

Manche Bücher machen es einem schwer, sie in einem Zug durchzulesen. Nicht, weil sie schwerfällig wären oder unhandlich, nicht, weil sie zu komplex oder gar langweilig wären. Sondern einfach nur, weil sie so traurig sind, dass man sie weglegen möchte und zugleich so voller Hoffnung und Humor, dass man genau dies nicht tut. Es ist nun bereits einige Wochen her, dass ich Christoph Schlingensiefs Tagebuch einer Krebserkrankung zu Ende gelesen habe, in nur wenigen Tagen, weil der Redaktionsschluss nahte und man noch eine Rezension haben wollte. Dabei, so wusste ich hinterher, genießt man dieses Buch am Besten in homöopathischen Dosen. Und ausführliche Kritiken schreibt man am Besten, wenn das alles schon etwas hinter einem liegt, denn sonst wird es wahrscheinlich zu persönlich und andere mit seinem Privatleben zu langweilen, ist ja irgendwie zu Mainstream geworden.

Natürlich auch Schlingensiefs Buch ist so privat, dass man manchmal glaubt, es gehe gar nicht mehr. Doch dies geschieht aus einem gewissen Grund. “Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens.” So heißt es gleich im ersten Absatz. Der Sprachlosigkeit setzt Christoph Schlingensief einen kaum enden wollenden Redefluss entgegen, kleine und große Gedanken, Tagewerk und Gespräche, kondensiert zu einem Monolog, aufgezeichnet am Diktiergerät und deswegen in einer ungeschliffenen Sprache, aber so hat der Theatermacher, dieser große, ja auch gesprochen und gelebt und gearbeitet. Was heißt hat? Er lebt ja noch, er arbeitet ja noch, hat sich durch die Talkshows und Interviews gekämpft, was bestimmt nicht leicht war, denn man weiß ja, wie das so ist: da wird gefragt und gebohrt und mitleidige Blicke, die muss man gewiss auch ertragen.

Wie die Medien funktionieren, dass weiß Schlingensief ja schon ganz gut. Denn bestimmt nicht nur auf ihn ganz subjektiv gemünzt hat er dieses Walter-Benjamin-Zitat an den Anfang gestellt: “Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.”

Und weil das so ist, spielt die Religion eine nicht geringe Rolle. Es sind die alten Fragen, doch Christoph Schlingensief stellt sie neu. Dieser ganze Leidenszyklus, den das Christentum seit 2000 Jahren in unsere Herzen pflanzt. Das Gottvertrauen, das manchmal verschwindet, als hätte man den Boden weggezogen. Unglaubliche Heilsversprechen für die Zeit nachdem der Vorhang gefallen ist.

Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur – ich will mich nur noch betrunken unter den Sternenhimmel von Afrika setzen und mich auflösen. Warum nicht? Aber dann kommt das christliche Geschwätz, seinen Mann nicht gestanden, sich der Sache entzogen, dem Problem entzogen, wir haben doch alles getan, Intensivmedizin stand zur Verfügung, und er hat sich einfach hängen lassen. Da kann ich nur sagen, bei Jesus gab es auch keine Intensivmedizin, der hat sich auch hängenlassen.

Doch Schlingensief begibt sich in die Hände der Intensivmedizin, in die Welt der Götter in Weiß, manche von ihnen ganz schön abgeklärt, andere so richtig nett und so wie man sich das wünscht, wenn der Tod schon mal anklopft. Untersuchungen, Lungenflügel raus, Chemotherapie, Bestrahlung, die Medizin gibt den Takt vor. Es ist, heißt es einmal, “alles eine Scheiße! Ist das alles eine Scheiße!”

Es gibt soviele lustige Momente in diesem Buch. Zum Beispiel wie sich Schlingensief die Johanna-Inszenierung mit seinem eigenen Schicksal verknüpft erträumt. Oder wie diese verrückte Frau vor die Tür seines Krankenhauszimmers scheißt und die Pflegerin nur ruft “Ach du Scheiße, Kacke!” und Schlingensief sich wegschmeißt und dann wird es gleich wieder traurig, weil er an seinen Vater denkt, der ihm vielleicht dieses Ereignis geschickt hat, damit er mal wieder richtig durchlachen kann, der Vater, der ein Jahr zuvor starb, dem er nachts über die Friedhofsmauer zubrüllt, was ihm einfalle, was los sei, was er sich dabei denke und bei dem er sich am Tag danach entschuldigt, sich mit ihm versöhnt und ihm verspricht, in Afrika eine Kirche, eine Schule, ein Krankenhaus, ein Theater, ein Opernhaus zu bauen. “Es war ein total schöner Moment. Und dann – das hört sich jetzt spinnert an -, aber in dem Moment, als ich das gesagt hatte, wurde der Himmel so rot wie der Brokatstoff in den Bildern, die ich vor ein paar Tagen bei diesen Halluzinationen gesehen hatte.”

Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Buch und vielleicht ist es deswegen nur etwas für homöopathische Dosen, weil wir ihn in unserer Gesellschaft nicht mehr an uns heranlassen, sondern ihn aussperren, ihn wegdenken, wann kommt denn das Gespräch schon mal darauf und dann sind überall noch diese seltsamen Atheisten, die uns sagen, das alles sei völlig sinnlos, was wir hier auf der Erde veranstalten. Jetzt höre ich mich schon an wie Schlingensief. Deswegen soll er das letzte Wort behalten:

Das Schlimmste ist, glaube ich, dass alles Fiktive, alles für die Zukunft Erträumte ausgeträumt ist. Im Moment ist alles endlos real und damit komme ich nicht klar. Sich etwas auszudenken, sich etwas auszumalen, von mir aus auch Illusionen zu haben – das ist alles ein großer Glücksrausch, auch wenn ich ihn nicht immer als Glück wahrnehmen konnte. Und jetzt ist man 47 und soll denken: Sei froh, dass du lebst, und genieß jeden Tag als sei er dein letzter.

Bad Banks

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Nun bekommen wir sie also auch in Deutschland, die Bad Banks. Ich will ja nicht als Sprachfaschist glänzen, aber: müssen wir das so nennen? Drei Anmerkungen.
Erstens sollte man ja vermuten, dass eine böse, schlechte Bank einen guten Widerpart hat. Hat sie aber nicht, denn die schlechte und die gute Bank gehören zu einem Konzern. So bleibt die Verschiebung von “toxischen” Wertpapieren von einem Keller in den anderen vor allem buchhalterische Alchemie.
Zweitens: Bad. Noch nie hat man im Deutschen dieses Wort mit “schlecht” assoziert. Eher mit Duschen und Wannen oder auch Fangopackungen und Kurschatten.
Drittens bleibt die Frage, wer eigentlich die schlechten Banken verwaltet? Die guten Banker. Und wer überhaupt mit einer Bad Bank Geschäfte machen will? Oder einer guten Bank, der eine schlechte Bank gehört. Das Ganze ist einfach nur eine bad idea.

Byebye Galore

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Ich bin ja ein großer Freund von Interviews. Also hätte ich auch ein großer Freund von Galore sein müssen. War ich auch. Auch schon am Anfang als sie noch dieses von Porträtfotos zugestellte Cover hatten, aber mehr noch danach, als zum Beispiel Judith Holofernes rehäugig im Kiosk lag. Das Konzept war klar: Interviews, bitte. Porträts. Schöne Fotos. Angenehme Fragen. Lange Strecken. Zuletzt sah die Galore leider so aus wie auf dem ganz rechten Cover zu sehen, das die vorletzte Ausgabe des Magazins zeigt. Am 10. Juni liegt die Zeitschrift noch einmal am Kiosk, danach wird im Internet weitergefragt – mit Zugriff auf die über 900 bereits geführten Interviews und einem neuen pro Woche, das kann man sich wohl gerade noch so leisten (doch wer die derzeitigen Werbeetats der Firmen kennt, weiß, auch das wird schwierig). Klar, es ist Medienkrise. Aber bei 20.000 verkauften Exemplaren und 2500 Abos kann es wohl nicht nur an den Anzeigen gelegen haben. Es ist wohl eher so: Galore kam zu früh, um als Nischentitel funktionieren zu können. Also wurde man beliebig, baute Kleinkram ins Heft, stellte den Titel mit Typo und lauten Anreißern voll, verunstaltete das vordem so klare Logo, man könnte auch sagen: die Marke wurde verwässert. Jetzt, da man mit einem kleinen, feinen (wenn Sie so wollen: rehäugigen) Magazin vielleicht einen Blumentopf gewinnen könnte, sieht Galore aus wie jede xbeliebige Illustrierte am Kiosk. Manchmal ist Anbiederung vielleicht doch nicht der rechte Weg.