Monatsarchiv für Januar 2009

 
 

Zitrus von Valérie Mréjen

zitrusGut, man könnte diesem kleinen Büchlein vorwerfen, dass es mit 7,50 Euro etwas zu teuer geraten sei, weil es nur 75 Seiten hat und in gut vier S-Bahnfahrten durchgelesen ist. Man könnte auch einwenden, die Geschichte sei wohl etwas belanglos und der Umschlag des Buches einfach zu gelb (das Bild hier neben täuscht etwas, das Buch ist tatsächlich viel gelber, zitrusgelb, um genauer zu sein). Aber was hilft es zu jammern, wenn doch oft genug ein Lächeln übers Gesicht huscht, während Madame Mréjen davon erzählt, wie einmal eine Frau ihres Namens hoffnungslos in Bruno verliebt war, Bruno, der sich gerne als Zitrone zeichnet, der manchmal sehr lustig sein kann, meistens aber nervtötend und dem sie nichts übelnehmen kann, weil sie ja so verliebt ist, er aber nicht in sie. Mit jeder Anekdote, die die Protagonistin im Stile einer lakonischen Und-dann-war-noch-dies-und-dabei-fällt-mir-ein-dass-Plauderin zum Besten gibt, wünscht man sich, dass es nichts werden wird mit Valérie und ihrer Frucht. Wird aber schon in den ersten paar Sätzen irgendwie klar:

Wir saßen auf einer Bank bei Les Halles unter einer Art Holzpergola. Es war schön draußen. Er sagte zu mir, ich liebe dich nicht.

Na, Valérie Mréjen hält diesen Stil jedenfalls bis zum Schluss durch. Zitrus hat komische Marotten. Er lässt Obst verschimmeln, weil er das verschimmelte Obst schön findet, wundert sich aber über die vielen Fliegen in seiner Wohnung. Er fotografiert Äcker in allen vier Jahreszeiten. Er hält Verabredungen nicht ein. Hat eine Freundin. Und das ist noch nicht mal ein Bruchteil. Man erfährt viel über Zitrus in diesen 75 Seiten. Und das ist ja auch Liebe, selbst wenn sie unerwidert bleibt, wenn man mal von Kleinigkeiten absieht, also, Liebe ist auch soviel über einen einzigen Menschen zu wissen und wenn dazu dann noch Verliebtheit kommt, dann findet man wohl selbst verschimmeltes Obst liebenswürdig, auch wenn die Begeisterung dafür und dem dahinterstehenden Menschen dann nur für wenige Monate hält und am Ende Schluss gemacht wird, was in diesem Fall ein Happy End ist. Man liest sich gerne bis dahin durch, nein, Schluss mit “man”, ich habe mich gerne durchgelesen bis dahin, in drei, vier S-Bahnfahrten, denn solch eine Ironie- und Melancholie-Mélange ist nicht jedem seine Sache. Um es kurz zu machen, hier der Schluss:

… Nach der Schmierenkomödiantenszene im Bademantel habe ich vorgeschlagen, daß wir Schluß machen. Er war sofort einverstanden. Ich hatte eine Apokalypse erwartet. Wie würde es sein? Das wollte ich mir nicht vorstellen. Letztendlich passierte gar nichts: Das Telefon klingelte nicht mehr. Ich hatte mir den Übergang durchaus drastischer vorgestellt.

Geheimnisse

Im Internet, so sagt man, gibt es keine Geheimnisse mehr. Jeder, der etwas auf sich hält, breitet sein Privatleben auf Plattformen wie mySpace, StudiVZ oder facebook aus, Bilder werden veröffentlicht, Beziehungen diskutiert, Drogengebrauch öffentlich zur Schau gestellt. Kurz gesagt: die jungen Menschen sind verrückt, sie denken, online hätten sie Freunde, denen sie alles erzählen könnten und wer am meisten erzählt, der bekommt auch am meisten Freunde und sehen können es dann alle, auch die, die keine Freunde sind und niemals sein werden. Das ist natürlich alles übertrieben, denn Geheimnisse haben auch im Internet ihren Platz. Zum Beispiel auf der Seite PostSecret, auf der anonym eingesandte Postkarten gezeigt werden. Intime Geheimnisse (“I fantasize about my daughter’s boyfriend when I masturbate. Does that make me a bad mother?”), harmlose Geheimnisse (“My family never hugs”), lustige Geheimnisse (“Right before I close the door I yell, ‘Pizza’s here’ into my empty apartment, so the delivery guy doesn’t think ALL that pizza is for me”). Es ist alles da. Eine deutsche Version gibt’s auch, doch die ist lahm. Mittlerweile sind sogar bereits vier Bücher mit PostSecrets erschienen. Ob man das dann noch Geheimnis nennen kann?

Diappear Here

disappear here magazineVor ein paar Tagen bekam ich Post von Peaches Geldof, genauer gesagt von Peaches Honeyblossom Michelle Charlotte Angel Vanessa Drummey Nee Geldof wie Wikipedia weiß. Anliegend ihr neues Magazin “Disappear Here”. Der Name ist schon mal großartig. Und sonst? Hier die Kurzfassung. Gut: Straßeninterviews mit intimen Fragen (“Wie würdest Du Deinen Partner/Freund/Mann umbringen?” “Wieviel damit Du Dich für uns ausziehst?” “Wer sollte Dich in einem Film spielen?”) und lustigen Antworten (“Irgendwas mit einer Axt.” “500 Pfund. Ist das ein Angebot?” “Mein Leben ist ziemlich langweilig. Also Judy Dench, denke ich.”). Auch gut: eine Interview-Form, die Anger Management heißt – wieviele Fragen an Richard Barnbrook von der British National Party bevor er so verärgert ist, dass er auflegt (Antwort: Neun). Besser: keine solariumgebräunten Menschen im Heft (auch nicht in der Modestrecke). Keine, ich wiederhole, KEINE Anzeigen (Die Zeitschrift kostet kaum vier Euro, also: wahrscheinlich sponsored by Daddy?). Keine Blondinen. Nun die Kehrseite: Peaches ist leicht überrepräsentiert. Ein Bericht über alte Menschen die Urnen testen sind naja. Es werden ziemlich viele Worte über Bands verloren, von denen ich noch nie was gehört habe. Die Listen mit den “Things we love” (Titelgeschichte) sind ein wenig unwitzig, wie überhaupt dem Teil mehr Humor gut tun würde. Ansonsten aber: hey, das ist die Erstausgabe, und dafür ist sie ziemlich genial. Auch vom Design her (Punk). Interessant auch der Vertrieb: abgesehen von einigen englischen Szeneläden, gibt es Disappear Here nur in begrenzter Auflage (so die schwachsinnige Eigenwerbung, denn das gilt ja selbst für die Bildzeitung) und nur übers Netz. Hier die Adresse. Und ich warte nun auf den nächsten Brief von Peaches Honeyblossom Michelle …

Musik zum Wochenende


Massive Attack – Protection

Kurzer Abriß der Nationalökonomie

Kurt Tucholsky

Nun beginnt es also, das Jahr der schlechten Nachrichten (Merkel). Deswegen gehört hier nun Kurt Tucholsky das Wort, dessen nun folgender Text am 15. September 1931 in der Weltbühne unter dem Pseudonym Kaspar Hauser veröffentlicht wurde:

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen Gründe, doch können solche durch eine Notverordnung aufgehoben werden.

Über die ältere Nationalökonomie kann man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher mit Stillschweigen übergehn. Sie regierte von 715 vor Christo bis zum Jahre nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens, warum. Die Grundlage aller Nationalökonomie ist das sog. ‘Geld’.
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