archiv | November, 2008

Safe Trip Home

30 Nov

dido

Eine unverwechselbare Stimme kann auch eine Last sein, zumindest wenn sie im Dudelfunk rauf und runter gespielt wird. So war das mit Dido 1999 bei ihrem Debüt und auch beim zweiten Album. So wird es hoffentlich dieses Mal nicht sein. Das neue Album rauscht vorbei wie ein kurzer, warmer Sommerregen. Und die zurückgenommenen Texte zwischen Liebe und Verlust sind nicht nur im Winter wärmstens zu empfehlen.

Nur ein Wort …

29 Nov

Schnee!
apfel im schnee
Oder wie meine Oma sagt: “Guck mal an, der liebe Gott hat zugedeckt die ganze, weite Welt!”

Wir flexiblen Menschen

16 Nov

Es ist das zweite Mal, dass ich “Der flexible Mensch” von Richard Sennett zu Ende gelesen habe. Eigentlich hatte ich es nach Jahren wieder in die Hände genommen, um mehr über die zunehmende Individualisierung zu erfahren, die Sennett darin beschreibt. Der Originaltitel The Corrosion of Character beschreibt eigentlich ganz gut, worum es geht: durch die neue Arbeitsorganisation im fortgeschrittenen Kapitalismus verlieren die Menschen ihren Halt, ihre Sicherheit und zum Gutteil ihre Perspektiven. Die Fließbandproduktion und die eintönigen Arbeitsabläufe gehören in den modernen Fabriken und Dienstleistungsbetrieben der Vergangenheit an – und damit auch die zugehörigen Lebensentwürfe. Das Buch ist nun vor zehn Jahren erschienen, es gibt einen Nachfolger (The Culture of the New Capitalism, 2005), und man merkt, dass die Gedanken Sennetts stets aktueller werden. Es reicht vielleicht auch auf einen Artikel Sennetts aus der Zeit von 2005 hinzuweisen, in dem er die Grundzüge der Folgen von Flexibilisierung schildert:

Nachdem sich der alte, soziale Kapitalismus aufgelöst hat, erzeugen die neuen Institutionen nur ein geringes Maß an Loyalität und Vertrauen, dafür aber ein hohes Maß an Angst vor Nutzlosigkeit

Die Freiheit des Einzelnen nimmt zu. Das trifft in gewissem Maße auch auf die Medien zu. Die Zeit der großen Verlage und Unternehmungen scheint zu schwinden, die Nutzer erfreuen sich daran, Inhalte selbst in größerer Form ins Netz zu stellen, von Konsumenten zu Produzenten zu werden. Doch tun sie dies wiederum größtenteils im Rahmen anderer, neuer Konglomerate. YouTube, MySpace und Google mögen sympathische Wege sein, die Freiheit der neuen Medien auszukosten, doch unterscheiden sich die wirtschaftlichen Zwänge denen diese Plattformen unterliegen nicht wesentlich von denen eines Fernsehsenders oder eines Zeitungsverlages. Dazu kommt, dass die Anregungen für die produzierenden Konsumenten ebenfalls zum überwiegenden Teil aus der “alten” Medienwelt stammen. Doch derzeit sind es nicht die neuen, medialen Individualisten, die Angst vor Nutzlosigkeit haben. Es sind die Verlage und Sender. Ihre Macht schwindet, je geringer der Aufwand für die Produktion von Inhalten wird. Die Kreativität dafür ist schon lange vorhanden – denn flexibel und blitzgescheit zu sein, das haben uns die vergangenen Jahrzehnte im neuen Kapitalismus gelehrt.

Die 64er-Generation

15 Nov

64erIch schwelge gerade in Erinnerungen. Der Grund ist ganz einfach: ein junger Mensch hat die erste Ausgabe der Zeitschrift 64er eingescannt und auf seiner Seite verfügbar gemacht. Diese erste Ausgabe hatte ich auch mal. Mein Onkel hatte sie mir zusammen mit dem dazugehörigen Commodore 64 mitgebracht. Wenn es irgendwann dazu kommt, dass man unsere Generation labeln muss, dann bitte als 64er – zumindest die männliche Hälfte. Mein C64 steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer unter dem Bett, vor Jahren hab ich ihn nochmal ausgekramt als ich meine Eltern besucht. Er funktionierte einwandfrei, nur etliche der Disketten hatten ihren Geist aufgegeben. Auch damals: Erinnerungsfluten. Denn vor dem C64 habe ich gefühlt die Hälfte meiner Kindheit verbracht. Ich habe nach Schule Freunde mit nach Hause gebracht und wir haben Pirates gespielt, Bubble Bobble oder GI Joe, manchmal auch verbotenerweise Commando Lybia. Aus der oben genannten Zeitschrift habe ich Listings abgetippt, das waren seitenlange Programmcodes, aus denen dann ein Kalender entstehen konnte, oder Fraktalgrafiken oder auch gar nichts, weil man irgendwo mittendrin einen Zahlendreher hatte. In den späteren Ausgaben wurde es noch schwieriger, da galt es unverständliche Zahlenreihen abzutippen, die ein spezielles Programm dann in Code umwandelte – es war eine stupide Aufgabe, reiner Fleiß und ich bewies darin manchmal mehr Verve als bei meinen Schulaufgaben. Bevor ich den C64 besaß, hatte ich einen Atari 400. Er hatte keine richtige Tastatur, weswegen das mit dem Programmieren irgendwie flach fiel, doch dafür konnte man oben Cartridges reinstecken, auf denen Spiele wie PacMan oder Space Invaders waren. Der Atari sah so aus:
atari400
… und als mein Onkel ihn in einem Pappkarton aus seinem Auto holte, habe ich ihn ernsthaft gefragt, warum er mir Dachziegel mitgebracht hatte. Es waren, aus heutige Sicht, die spaßigsten Dachziegel mit denen ich je zu tun hatte. Den C64 hatte ich, glaube ich, bis ich 16 war. Danach bin ich direkt auf einen Pentium60 von EsCom umgestiegen, der etwa 10 Kilo wog und in einer einen Meter hohen Metallkiste vor sich hinbrummte und statt einem Fernseher einen Monitor benötigte. Es war nicht mehr ganz das gleiche. Zeit konnte man aber immer noch prima damit vergeuden. Alles in allem kann man sagen, dass ich wegen dieser Zeit vom Computerspielen geheilt bin. Ich habe genug für mein ganzes Leben gespielt. Aber ich denke immer noch gerne an die Zeit zurück – und kann es immer noch nicht ganz fassen. Cooler als die 68er, das muss man zugeben, waren wir auf jeden Fall.

via nerdcore

Harmonie ist eine Strategie

10 Nov

Heute wurde in Frankfurt die Welt am Sonntag verschenkt. Eine ziemlich beliebige Zeitung, muss ich sagen, die aber dennoch zwei, drei ganz gute Artikel enthielt. Man erfährt zum Beispiel von Thorsten Krauel, warum eine linksliberale Reformwelle unter Obama ausfallen wird. Außerdem einen übersetzten Artikel über den Familienmenschen Obama von Jodi Kantor von der NY Times. Dass das Gespräch zwischen Stuckrad-Barre und Alexander Kluge ebenso langweilig ist wie der 2000. Bürgertumverherrlichungsartikel von Ulf Poschardt, ist kaum der Erwähnung wert.

Was mir aber vollkommen neu war: Partnerbörsen auf Gentestbasis. Im Artikel heißt es: “Laut Wissenschaftlern finden Menschen einander besonders sympathisch, wenn sie sich in ihrem Erbgut unterscheiden.” Deshalb biete nun eine Firma in der Schweiz und eine in den USA an, eingeschicktes Erbgut zu sequenzieren, auf dass es mit anderen Menschen verglichen werden kann. Das kostet dann 200 Euro. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann beruht die ganze Geschichte auf einer Untersuchung, bei der man Frauen und Männern gebeten hat, an getragenen T-Shirts zu riechen und sie fanden wohl diejenigen am Verlockendsten, deren Träger ein Erbgut besaßen, dass so ganz anders war. Ich kann nur sagen, dass ich getragene T-Shirts für insgesamt wenig verlockend halte, egal, wie die DNS der Frau aussieht, die drin gesteckt hat. Und schließlich beruht alles auf der biologisch verkürzten Formel, dass gut für uns ist, was gut für unsere Art ist: genetische Vielfalt. Ein reichlich überholtes Konzept in unserer individualisierten, hochtechnisierten Zeit. Doch immerhin noch gut genug, um ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen – wie unromantisch. Wie die Autorin zu recht schreibt: “Für alle Gentester der Liebe ist es ganz offensichtlich einfacher, 2000 Dollar zu überweisen und eine Speichelprobe abzugeben, als einen attraktiven Menschen für 3,50 Euro zum Kaffee einzuladen und unauffällig an ihm zu riechen.”

Finanzkrise endlich erklärt

7 Nov

Der neue Bond

6 Nov

Gestern war ich im neuen Bond. Der deutsche Titel “Ein Quantum Trost” ist natürlich indiskutabel. Und sonst? Sehr seltsam. James trinkt keinen Martini mehr. Q ist nicht mehr der Mann mit den Gadgets, sondern die mysteriöse Organisation des Bösewichts (Q wie Quantum). Der Bösewicht hat keinen coolen Namen wie Goldfinger, Le Chiffre oder Dr. No, sondern heißt Dominic Greene. Moneypenny ist unwiderbringlich verloren, mit der neuen Bürokraft steigt Bond gleich ins Bett – wie man schon in den unschuldigen Guckindielufts auf dem Szenenfoto oben sieht. Zu sehen gibt’s aber nur eine züchtige Ich-knutsch-Deinen-Rücken-Szene. Mit dem neuen Bondgirl bekommt’s 007 nicht auf die Reihe. Auch nicht am Ende. Machosprüche: Fehlanzeige. Und ansonsten: viel Action, wenig Handlung, ultraschnelle Musikvideoschnitte, nervige Titelmelodie – ein echter Bond also minus James Bond. Kann man sich angucken, wenn man nicht zuviel erwartet. Dass Daniel Craigs Körper toll aussieht, interessiert mich zwar nicht, würde ich nun aber auch nicht als ausschlaggebendes Kriterium ansehen, den Film zu sehen. Das Bond-Girl auch nicht (wie gesagt: er kriegt’s nicht gebacken, es sei denn ich hab da was verpasst. Und die Bürokraft ist sowieso hübscher). Außerdem heißt das Bondgirl schlicht Camille. Natürlich kein Vergleich zu Honey Rider (Ursula Andress in James Bond jagt Dr. No), Pussy Galore (Honor Blackman in Goldfinger) oder Dr. Holly Goodhead (Lois Chiles in Moonraker). Dafür gibt es eine Remineszenz an Goldfinger. Statt in Gold wird James Bonds Bettgenossin in Öl eingelegt tot aufs Bett gelegt. Öl ist also das neue Gold, Wasser das neue Öl und James Bond nicht mehr ganz der Alte.

Welche Worte haben McCain und Obama benutzt?

5 Nov

Eine Antwort auf Grundlage ihrer “acceptance speech” von Thomas Hawk, die in keinster Weise das deutliche Ergebnis vorausgesagt hat, aber doch sehr interessant ist:

McCain oben, Obama unten

Denn: so sehr unterscheiden sich die beiden inhaltlich nicht. Das werden wir Europäer noch merken. Dennoch: ich bin so froh. Ein Afroamerikaner als US-Präsident – das hätte ich nie für möglich gehalten.

Jugendpornographie

4 Nov

Das wird jetzt nicht einfach. Deswegen vorweg, ums deutlich zu sagen, auch wenn es sich von selbst versteht: Verbreiter von Kinderpornographie gehören verfolgt und ins Gefängnis gesteckt für sehr, sehr lange Zeit. Nun aber gilt von morgen an ein neugefasster Abschnitt des Strafgesetzbuchs in Kraft, der die Verbreitung und den Besitz von “jugendpornographischen Schriften” unter Strafe stellt. Jugendpornographisch sind laut dem Gesetz Schriften, “die sexuelle Handlungen von, an oder vor Personen von vierzehn bis achtzehn Jahren zum Gegenstand haben”. Das gleiche gilt für solche Schriften, die ein “tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben”. Zwei spannende Fragen fallen mir dazu ein. Die erste: was ist wirklichkeitsnah? Sie wird bei heise.de folgendermaßen beantwortet:

Als “wirklichkeitsnahes Geschehen” ist dabei die Darstellung eines Geschehens zu verstehen, das sich dem durchschnittlichen Betrachter dem äußeren Erscheinungsbild nach als ein tatsächliches darstellt. Darunter können also auch Darstellungen mit sogenannten “Scheinminderjährigen” fallen, also von Darstellern, die dem Alter nach volljährig sind, hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes aber als minderjährig eingestuft werden könnten.

Die zweite: was ist eine sexuelle Handlung? Zunächst mal, so habe ich nun gelernt, unterscheidet sich das Deutsch der Juristen erheblich von unserem Deutsch. Eine sexuelle Handlung kann, eng betrachtet, auch schon ein lasziver Blick einer unbekleideten Frau sein. Die Frage bleibt natürlich wo Laszivität anfängt und wo sie aufhört. Genauso bleibt die Frage, welche Darsteller als minderjährig eingestuft werden, obwohl sie volljährig sind. Wenn sie kleine Brüste haben? Zwischen den Beinen rasiert sind? Sicher sein können wir uns jedenfalls, dass dies die Gerichte in den kommenden Jahren schon herausdeuten werden und Licht in die offensichtliche Grauzone werfen. Solange gilt: wer sich davor schützen möchte, Jugendpornographie zu konsumieren, sollte auf Produkte zurückgreifen, die ältere Frauen und Männern bei sexuellen Handlungen porträtieren, sollte Modestrecken in Lifestyle-Magazinen nicht zu genau betrachten, manchen modernen Künstler schlicht ignorieren oder gleich insgesamt auf das Betrachten von Fotos jünger aussehender, nackter Menschen verzichten. Aber wie gesagt: das ist ein schwieriges Thema. Deswegen, auch weil ich’s selbst nicht so recht weiß, mal die Frage in die Runde: Ist der Verbot der Jugendpornographie ein Schritt in die richtige Richtung?

Die feinen Spam-Arier bei der taz

1 Nov

Ich mag ja die tageszeitung. Immer schön links und so. Doch dieser Spam-Filter unter der Kommentarfunktion ist zwar nett, weil man nur richtige Wörter abschreiben muss und nicht irgendwelchen Buchstabensalat. Aber, was für Wörter, sage ich Ihnen. Zuerst sollte ich folgendes eingeben:

Arier? War mir ein bisschen zu seltsam, also forderte ich ein neues Wort an. Dann kam folgendes:

Meinen die das wirklich ernst? Da ist ja die Spamabfrage nazihafter als jeder Kommentar auf welt.de…

Update // Ich habe dann noch eine Mail geschrieben an die tazler, aber mittlerweile auch selbst rausgefunden, wie das kommen kann. Benutzt wird ein Plugin für Typo3, das sogenannte sr_freecap. Darin enthalten ist eine Liste mit Wörtern, die unter den Kommentaren angezeigt werden und in dieser Liste findet man unter anderem Arier und Gastod, aber auch 19853 andere Wörter wie He-Man, Muschi oder Ostjude. Es ist also alles in Ordnung.