Monatsarchiv für September 2008

 
 

Null Prozent plus X

Das Problem an Politik in Wahlzeiten ist, dass man Erwartungen schürt. Andrea Ypsilanti wollte nie mit den Linken koalieren. Huber und Beckstein gaben 50 Prozent plus X aus. Sie müssen mit den Ergebnissen leben. Da ist es fast egal, was die Auguren nun als wahlentscheidend deuten. Die vermasselte Debatte ums Rauchverbot? Die simple Feststellung “Die können es nicht”? Das Ergebnis in Bayern ist nur mehr ein Zeichen von der Schwäche der beiden großen Volksparteien. Und der Vergleich mit Hessen drängt sich schon auf. Die Sozialdemokraten haben es hier wie dort nicht geschafft die Schwäche der Konservativen auszunutzen. In Hessen haben die Genossen nach einem von ausländerfeindlichen Ressentiments geschürten und fehlgeleiteten Wahlkampf der CDU immerhin nicht das schlechteste, sondern nur das zweitschlechteste Ergebnis eingefahren. Das ist kein Erfolg. Und das Kratzen an der 20-Prozent-Marke in Bayern ist es auch nicht. Gewinner sind die kleinen Parteien. Ein Zeichen fortschreitender sozialer Atomisierung? Soweit ist es nicht. Nur sollten sich die führenden Politiker beider Parteien vor der kommenden Wahl eins ins Gedächtnis rufen: lieber keine Vorhersagen machen, ieber keine Verheißungen und keine Versprechungen, die sich nicht einlösen lassen. Bescheidenheit. Null Prozent plus X. Und: wir koalieren mit jedem. Dann gehen auch die ganzen Interviews nach sogenannten Wahldebakeln leichter von der Hand. Schlechtes Ergebnis, ja gut, aber 44 Prozent besser als wir dachten. Das ist doch was!

Foto: Conanil/flickr/cc-by

Ein neuer Trend?

Vielleicht mögen Sie nun denken, dieses Tagebuch sei nicht nur mehr oder weniger ein Wochenbuch, sondern vielleicht gar ein Zweiwochenbuch geworden, so unregelmäßig erschienen mittlerweile die Beiträge, nein, Sie könnten auch einwenden, dass es zu einem gewissen Niveauverlust gekommen sei. Diesen Eindruck möchte ich gar nicht erst versuchen, zu bestätigen, doch erstens bin ich anderweitig nicht untätig gewesen und zweitens ist mir ein neuer Trend aufgefallen. Dass Toilettenwände dafür genutzt werden, Schriftsprache zu hinterlassen, ist gewiss nichts Neues. Doch recht oft bin ich nun schon dem Phänomen begegnet, dass dort kaum noch “Wer das hier liest ist doof” zu lesen ist oder gar “USA-SA-SS” oder ähnliche sinnfreie Sprüche, sondern weibliche Vornamen. Das Wort “Anna”, das ich leider mit meiner üblen Handykamera im Dimmerlicht aufnehmen musste, stand zum Beispiel in einer Herrentoilette Frankfurts. Auch “Jenny” habe ich bereits entdeckt. Einmal sogar “Marie”. Ja, wirklich. Jedenfalls: das hat keinen Stil. Nicht nur, dass nicht klar über die Gefühle zu dieser oder jener Dame Auskunft gegeben wird, es steht dort einfach nur ein Name, sondern auch, dass diese Namen in einem recht unappetitlichen Kontext, nämlich öffentlichen Toiletten, zum Ausdruck kommen, verstehe ich nicht ganz. Spricht daraus Hass, Abneigung? Oder doch der Zwang, den Namen seiner Liebsten einfach überall zu hinterlassen, wo man sich, wenn auch nur kurz, niederlässt, also auch an den widrigsten Orten?

Aus naheliegenden Gründen weiß ich nicht, wie es auf den Damentoiletten aussieht. Sollte dort dieser Brauch jedoch auch gepflegt werden, so sollte die derzeit so eifrig Trends hinterherhoppelnde Internetseite der Süddeutschen Zeitung schleunigst eine möglichst hundertseitige Klickstrecke mit den am meisten auf Klowänden hinterlassenen Vornamen anfertigen und vielleicht Diedrich Diedrichsen dazu einladen, dieses im Feuilleton zu dialektisieren. Und morgen schreibe ich dann auch wieder über niveauvollere Beobachtungen. Versprochen!

Apple-Wasser

Habe heute in Reminiszenz an die neuen iPods bei der Arbeit jede Menge Apple-Wasser in mich reingekippt. Hat aber weder geschmeckt, noch mich so cool wie Steve Jobs werden lassen …

Die FNP ist zurück

Lange Zeit, eigentlich seit ich vor vier Jahren dort aufhörte zu arbeiten, war die Onlineausgabe der Frankfurter Neuen Presse aus meinen Lesezeichen verschwunden. Nun ist sie wieder zurück – unter www.fnp.de hat man sich vor einigen Tagen ein völlig neues Gesicht gegeben. Ein auf den ersten und auch zweiten Blick sehr schickes Gesicht. Lokale, große Aufmacherfotos, kommentierbare Artikel, ein paar Videos und Multimediaelemente – alles in allem luftiger und näher am Printprodukt. Nur: die Anzeigen nerven, die Startseite sieht bei mir jedenfalls so aus:

Oben ein Banner, seitlich welche, dann die Videonavigation, da bleibt von den eigentlichen Nachrichten grade mal eine Überschrift und ein halbes Bild. Büschen wenig. Und die Tag-Wolke in der Seitenleiste sieht zwar todschick aus, doch wenn man draufklickt, bekommt man keineswegs alle Artikel zum Thema zu sehen, sondern nur einen einzigen und manchmal nicht mal das. Es ist wie ein Überraschungsei: man weiß nicht, was man bekommt. Außer, dass es nicht mehr als eine Überraschung sein wird. Und Schokolade gibt es bei der FNP schon mal gar nicht. Dafür eine Videoreihe, in der Leser mit Redakteuren zusammen kochen. Und die ist wirklich dermaßen schlecht, dass man nur hoffen kann, das sie ein Überbleibsel aus der alten Internetseite ist, die ich so lange nicht angeschaut hatte. Zum neuen, wirklich gelungenen Auftritt passt sie nicht. Und die paar Ecken und Kanten (zu denen auch die eingebaute Nachrichtenkarte zählt) werden sicher auch noch ausgebügelt. In diesem Sinn: Glückwunsch an die Kollegen.