Monatsarchiv für August 2008

 
 

Öko-Graffiti

Farbdosen sind ja furchtbar out. Und billiges Gekritzel an Häuserwänden, U-Bahnhöfen und Stromkästen ebenfalls. Da ist es nur folgerichtig, wenn die Ökobewegung nun auch in der Straßenkunst Raum greift. Einem mir neuen Trend folgt die Illustratorin Anna Garforth, die ein Moos-Graffiti entworfen und an eine Wand aufgebracht hat. Mehr Bilder von dem grünen Gedicht finden sich auf ihrer Internetseite. “Living, breathin graffiti”, heißt es da. Und: “The moss acts as a healthy alternative to spray paints, eventually colonising and taking over the wall.” Nur wie man diese Graffiti herstellt, ist nicht zu erfahren. Zwei Googletreffer später erfährt man jedoch auf der Seite www.guerillagaertner.com wie es geht:

Eine handvoll Moos in den Mixer geben, zwei Tassen Buttermilch oder Joghurt, ein halber Teelöffel Zucker und nach Bedarf Wasser dazugeben und auf niedriger Stufe mixen. Die Konsistenz sollte einem Trinkjoghurt ähneln. Die Mischung auf feuchte Wände mit einem Pinsel auftragen und von Zeit zu Zeit kontrollieren, dass das Graffito feucht bleibt.

Gar nicht so schwierig also, mal abgesehen von der Tatsache, dass das natürlich immer noch von ordnungsliebenden Zeitgenossen als schlichte Sachbeschädigung aufgefasst werden könnte, wie ja auch auf das Bekleben von Kaugummiautomaten Geldbußen und bis zu drei Jahre Gefängnis drohen. Das regelmäßige Befeuchten einer Wand sollte demnach also am Besten in einer rentnerarmen und unbevölkerten Ecke geschehen. Für alle anderen Zwecke empfehlen sich die Samenbomben, eine Beschreibung, wie sie herzustellen sind ist ebenfalls bei den Guerillagärtnern zu erfahren.

E-Mails sind komisch

Ich weiß nicht, woran das plötzlich liegt. Gerade habe ich gezögert eine E-Mail loszuschicken. Es kam mir so unwirklich vor. Ich dachte daran, wie es wohl war, als man noch Briefe schrieb. Man schrieb und schrieb, ließ dann die Tinte sorgfältig trocknen, las dabei noch mal drüber, schwenkte das Papier ein paar Mal in der Luft und schnappte dabei den so unnachahmlichen Geruch eines frischgeschriebenen Briefes auf, nahm dann einen Umschlag zur Hand, schrieb die Adresse nieder, öffnete eine Schublade, um eine Briefmarke herauszunehmen und zu befeuchten, klebte sie in die rechte obere Ecke und hauchte ein-, zweimal, um sicherzugehen, dass sie saß, faltete das Briefpapier an zwei Stellen, stopfte es in den Umschlag, fuhr mit der Zunge über die Gummierung auf der Rückseite, wodurch immer ein leichter Geschmack von Klebstoff im Mund zurückblieb, der aber durch ein Glas Mineralwasser schnell weggespült war, ein Glas, welches vor allem schon bereitstand und dessen Prickeln die Gedanken während des Schreibens ordnete und das nach einem letzten Schluck wieder auf den Schreibtisch gestellt wurde, woraufhin man sich erhob, das Zimmer, das Haus verließ und zum Briefkasten an der Ecke ging und den Umschlag hineinfallen ließ. Bald würde das Postauto kommen und den Kasten leeren und den Brief auf seine Reise schicken und dann würde er ankommen und einige Tage später hätte man vielleicht eine Antwort im Kasten. So war das damals, dachte ich, und dann drückte ich auf den “Senden”-Knopf. Und im gleichen Moment war die Nachricht schon beim Empfänger. Das ist unwirklich, komisch und seltsam. Vielleicht werde ich auch einfach alt.

Geht spielen!

Liebe Stadtplaner, Lokalpolitiker, Straßenmöbeldesigner und ordnungsliebenden Beamten,

seid nicht so. Lasst Euch inspirieren und beflügeln von den Taten junger Menschen, die nicht Funktion und Ratio glauben, die hinter die Dinge schauen und den festgefügten Alltag aufbrechen, ihn umbiegen und Schmunzelgebilde in den öffentlichen Raum setzen. So wie Bruno Taylor, der nicht nur eine Hüpfbank erfunden hat:

… sondern auch eine Bushaltestelle mit Schaukel. Wie sowas aussieht und was es mit den Menschen macht in diesem Video:

Kurzum – playful spaces. Taylor schreibt:

71% of adults used to play on the streets when they were young. 21% of children do so now. Are we designing children and play out of the public realm?

This project is a study into different ways of bringing play back into public space. It focuses on ways of incorporating incidental play in the public realm by not so much as having separate play equipment that dictates the users but by using existing furniture and architectural elements that indicate playful behaviour for all.

It asks us to question the current framework for public space and whether it is sufficient while also giving permission for young people to play in public.

Play as you go…

via: pixelsumo

Roboter mit Gehirn erfunden

Es hört sich erstmal nach Science-Fiction an: an der Universität Reading wurde ein Roboter entwickelt, dessen Herzstück ein biologisches Gehirn ist. Genauer gesagt: er wird von gezüchteten Neuronen gesteuert. Dabei geben ihm die Forscher keine Hilfestellung, er ist auf sich allein gestellt und soll lernen, sich zu bewegen, Objekten auszuweichen. Der Fokus der Forscher liegt nicht darauf, wie man zunächst vermuten könnte, den Grundstein für die Erschaffung von Cyborgs zu legen, sondern zu verstehen, wie unser Gehirn Informationen speichert. Daraus erhofft man sich neue Einsichten in Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson oder Gehirnverletzungen. Professor Kevin Warwick in einer Pressemitteilung der Uni:

This new research is tremendously exciting as firstly the biological brain controls its own moving robot body, and secondly it will enable us to investigate how the brain learns and memorises its experiences. This research will move our understanding forward of how brains work, and could have a profound effect on many areas of science and medicine.

Für den Versuch wurden 60 Neuronen auf eine Elektrodenplatte aufgebracht, die elektrische Impulse an die Zellen weitergibt, wenn sich der Roboter einem Objekt nähert. Die Reaktion der Neuronen darauf wird wiederum in die Steuerung des Roboters umgesetzt. So soll ein Lernprozess in Gang gesetzt werden, den die Forscher eingehend untersuchen wollen. Mit einer Menschmaschine hat das nichts zu tun. Von den 100 Milliarden Neuronen in unserem Gehirn, deren Synapsen die Zahl der Atome im Universum übersteigt (wie wir in der Fabuleux destin d’Amélie Poulain gelernt haben), ist der kleine Roboter weit entfernt. Grundlagenforschung nennt man sowas wohl. Im kommenden Jahr endet das Projekt, dann werden wir wissen, was das künstliche Wesen, vor allem aber was die menschlichen Forscher alles gelernt haben.

Quellen: AlphaGalileo.org, ZDnet

Diplomarbeit online


Die NATO und die Raketenabwehr. Die Diskussion der NMD in Frankreich und Großbritannien von 1998 bis 2003.

Nichts zu beanstanden

Zunächst mal (wieder): neosushi-Leser wissen mehr, zumindest wenn sie den Hinweis und die paar losen Gedanken zum Nicholas-Carr-Artikel “Is Google Making Us Stupid?” gelesen haben, die unter der Überschrift “Wir Maschinenmenschen” hier am 11. Juni 2008 veröffentlicht wurden, exakt zwei Monate bevor heute der Spiegel mit der gleichen Geschichte aufmacht – was natürlich im Hinblick auf die verachtenswürdige Copy&Paste-Generation nur als ironische Volte begriffen werden kann.

Aber genug des Eigenlobs. Nicht genug jedoch vom Internet. Dort habe ich heute eine Software heruntergeladen, die Freedom heißt und alle Verbindungen ins Datennetzwerk für eine gewisse Zeit kappt, so dass man sich auf die wichtigeren Sachen im Leben konzentrieren kann (etwa den Spiegel lesen, aufräumen oder mal raus gehen).

Was das alles mit dem oben abgebildeten Schild zu tun hat? Nichts. Aber diese und mehr solch wunderbare Lakonie findet sich bei Jean Jullien. Genau das Richtige, um sich die Zeit zu vertreiben. In diesem Zusammenhang kann man auch mal anklicken: die Fotos von Jeremy und Claire Weiss, die Illustrationen von Kaloian Toshev oder direkt den Design/Fotografie/Sammelsurium-Blog Yay! Monday!, der solche Perlen jeden Montag aus dem schier unendlichen Internet gräbt und das alles unter dem zurückhaltenden Titel “A weekly collection of things to look at” unters Volk wirft.

Und abseites des blöden Internets? Hört Euch das neue Album von Klee an, das noch kitschiger ist als die davor, aber trotzdem zwischendrin schöne Textzeilen hat. Lest den Aufsatz von Shai Agassi in der August-Ausgabe des Liebling und erfahrt, warum und wie Elektroautos die Zukunft gehört. Geht am Sonntag zum Saasfee-Kiosk im Frankfurter Ostend und lasst Euch überraschen. Und schaut nicht soviel fern. Soll doof machen. Zumindest laut diesem Spiegel-Artikel vom April 1950.

68 und die Medien: Was kam zuerst?

Torsten Sülzer schreibt in der Kölnischen Rundschau über das Medienphänomen 68. Einige Wissenschaftler werden zitiert, Kathrin Fahlenbach etwa: “Anfangs setzten die 68er auf alternative Medien: Flugblätter, eigene Zeitungen. Dann bemerkten sie erstaunt, wie sehr die Medien auf ihre Form der öffentlichen Inszenierung von Protest, auf diese symbolischen Protestformen reagiert haben – und stellten sich darauf ein.” Die 68er also nicht mehr als ein bloßes Medienphänomen, gehypt bis zur Selbstüberschätzung? Mag sein. Doch wichtiger noch als mediale Lappalien wie Puddingattentate und Kommune-Fotos sind die Anlässe zur Revolte. Im Fernsehen liefen bewegte Bilder von den Kriegen dieser Welt, sie rückten die Welt zusammen. Erst daraus konnte der Protest erwachsen. Und die alternativen Zeitungen, sie entstanden teilweise auch erst in den 70er- und 80er-Jahren – gerade als Reaktion auf die Massenkultur und als Zeichen fortschreitender Individualisierung. Natürlich gab es keine Revolution, es gab nur Selbstheilungskräfte des Systems zu beobachten.

Foto: James K. F. Dung, SFC

Glück ist …

… wenn man 4000 Euro an Betrüger verloren hat und noch so schön lachen kann:

Quelle: hr

mobileMe …

… ist dieser neue Rundum-Sorglos-Service von Apple. Beziehungsweise sollte er sein. Ist er aber nicht. Mit dem Vorgängerprodukt war ich eigentlich zufrieden: es hieß dotmac, kostete 99 Dollar im Jahr und dafür wurden meine Mails, meine Kalender, meine Kontakte und meine Bookmarks zwischen dem Mac bei der Arbeit und dem zuhause synchronisiert. Und von jedem internettauglichen PC konnte ich auch drauf zugreifen. Was will man mehr? Nun heißt das ganze mobileme, die Onlineseiten sind langsam, Mails trudeln Stunden später ein und mein Mac zeigt 451 Synchronisationsprobleme beim Kalender an, die ich alle einzeln bestätigen soll, was sicher einige Stunden dauern würde, weil mein Computer nach jeder Problembeseitigung einige Sekunden pausiert (komplett, d.h. man kann auch nichts anderes machen).

Wie auch immer: ich bin jetzt bei Googlemail, hab ein Programm gefunden, das mein Adressbuch dorthin überträgt und der Google-Kalender und iCal vertragen sich auch. Bleibt nur noch die Frage, wie ich meine Bookmarks zwischen Arbeit und Zuhause synchronisiere und ich kann Apple meine Mitgliedsgebühren tatsächlich ersparen. In diesem Sinn: Dankeschön für mobileme, wahrscheinlich das erste Apple-Produkt, das mir Geld erspart …

Foto: Courtesy of Apple

Langeweile vor Olympia

Mal abgesehen davon, dass Olympiaden sowieso nicht die spannendsten Angelegenheiten unseres Planeten darstellen und der ganze Hype, die ganzen Artikel und Zeitschriftencover und Sondersendungen in ihrer Masse kaum zu ertragen sind, bleibt die Frage: was bitteschön habt ihr erwartet, liebe Politiker, Sportfunktionäre und Journalisten vor Ort? Da entscheidet man sich dafür, ein Sportereignis in einer Diktatur steigen zu lassen, und wundert sich, dass es dort gewisse Einschränkungen hinsichtlich Freiheit gibt, dass dort gewisse Abstriche in Sachen Menschenrechte gemacht werden müssen. Überraschung! Absolut folgerichtig also, wie UN-Sport-Sonderbeauftragter Willi Lemke in der Rundschau zitiert wird: “Ich kann all die negativen Hintergrundberichte nicht mehr ertragen.” Und weiter heißt es in dem Artikel:

Bizarr muteten die Diskussionsbeiträge von Helmut Digel an, Councilmitglied des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Die olympische Vorberichterstattung verunglimpfte der Tübinger Professor als “geistlosen Journalismus”, praktiziert von “Dummköpfen”, die sich auf die Menschenrechtsfrage fokussierten und ständig Sportler damit behelligten.

Da hat er vollkommen recht. In einer Diktatur sind Menschenrechtsfragen lediglich rhetorisch. Und jetzt zum Sport …