Monatsarchiv für Juli 2008

 
 

Die Propaganda-Welt

Zugegeben: es ist einer dieser langen Artikel, die so anstrengend zu lesen sind, wenn doch alles immer kurz und knapp und auf 140 Zeichen oder weniger verpackt sein kann. Doch es steckt viel Wahrheit, in dem, was Mark Bowden in seinem Atlantic-Artikel über Rupert Murdoch schreibt. Wobei der Titel in die Irre führt: es geht nicht bloß um Murdoch und das Wall Street Journal, es geht um die Nachrichtenindustrie (, so nennt man das heute wohl) im Allgemeinen:

In the digital world, ignorance and crudity share the platform with rigor and taste; the independent journalist shares the platform with spinmeisters and con artists. Cable television and satellite radio have taken broadcast journalism in the same direction, crowding out the once-dominant networks, which strove for the ideal of objectivity, with new channels that all but advertise their politics. When all news is spun, we live in a world of propaganda.
The worst part of this is, the public doesn’t seem to care.

Die ökonomisch-orientierte Verbreitung von Nachrichten, die Renditeerhöhungen, die Schnell- wie Kurzlebigkeit sorgen dafür, so die These, dass das, was eine Zeitung noch vom Internet zu unterscheiden vermag, nämlich Hintergrund und Insider-Wissen auf breiter Basis zu vermitteln, mehr und mehr zugunsten von Scoops, vom Kräftemessen mit der vermeintlichen Konkurrenz verschluckt wird. Bleibt die Frage, ob es dafür einen MySpace-Murdoch braucht oder ob dies nicht ohnehin eine natürliche Entwicklung in einem zusehends umkämpfteren Markt ist, in dem das Produkt, die Nachricht selbst von Tag zu Tag weniger wert ist.

Siehe auch: Martin Dunn, How to survive Rubert Murdoch, British Journalism Review, 4/2007

Foto: coolcaesar/wikimedia

Wie man sich in Deutschland unterwirft


Ende April hat sich Deutschland der Gerichtsbarkeit des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag unterworfen. Ohne formale Abkommen kann Deutschland nun die Länder verklagen, die sich ebenfalls unterworfen haben (derzeit um die 60) – und umgekehrt. Allerdings gibt es einige interessante Ausnahmen. Insbesondere militärische Einsätze sind so gut wie vollständig ausgenommen. Völkerrechtswidrige Kriege darf Deutschland also nach wie vor führen, ohne Angst haben zu müssen, vor dem UN-Gerichtshof dafür belangt zu werden. Dazu wendet die International Association Of Lawyers Against Nuclear Arms ein:

Zugleich verstößt die Bundesregierung mit dem doppelten „Streitkräfte-Vorbehalt“ gegen Artikel 24 Abs. 3 Grundgesetz. Dieser schreibt vor, dass Deutschland einer „umfassenden“ internationalen Gerichtsbarkeit beitritt. Dabei bedeutet „umfassend“, dass alle Sachgebiete, die Gegenstand eines zwischenstaatlichen Streites sein können, zur Zuständigkeit gehören. Dies schließt folgerichtig alle Streitigkeiten über die Rechtmäßigkeit militärischer Einsätze und ebenfalls die militärische Nutzung des deutschen Staatsgebiets durch eigene oder fremde Truppen ein.

Quelle: Stellungsnahme zur Unterwerfungserklärung, PDF

Man hätte es also auch gleich lassen können. Im Bundestag wurde auch nicht darüber debattiert, weil man die Erklärung per Kabinettsbeschluss zur Geltung gebracht hat. Alles andere wäre wahrscheinlich auch zu peinlich gewesen. Hätte man doch schließlich über die Einsätze zu Beginn des Irakkriegs in Kuwait und in Afghanistan ebenso diskutieren müssen, wie über künftige Militäraktionen.

via: Blätter für deutsche und internationale Politik, 7/08, Foto: icj-cij.org

Ausgelagerter Journalismus

Nach gut einem Monat Pause (Urlaub, Arbeit, etc.), darf es nun weitergehen. Zum Beispiel mit dem Hinweis auf die US-amerikanischen ProPublica-Stiftung, die ihr Geld für investigativen Journalismus ausgibt und so schon etliche Scoops landen konnte. In der Neuen Zürcher zieht Bürochef Paul E. Steiger Bilanz und sagt unter anderem:

Heute kann man im Internet von morgens bis Mitternacht alle möglichen Finanzinformationen recherchieren, ohne zweimal auf das gleiche Dokument zu klicken. Dasselbe gilt für Sport, Politik oder Wetter. Entsprechend entwickelt sich die Zeitung von etwas Notwendigem zu etwas, dessen Vorteil darin liegt, Nachrichten einfach nur in einem praktischen Format anzubieten.

Genau. Und weil in den USA kräftig an der Qualität gespart wird, will ProPublica sie aufrechterhalten. Auch ‘ne gute Idee für Deutschland? Genau, denkt sich Undercover-Spezialist Günter Wallraff und will, so sagt er im Interview mit der Süddeutschen, eine ebensolche Stiftung gründen:

Ich versuche deshalb gerade, ein paar Leute davon zu überzeugen, dass wir eine Stiftung brauchen, die jüngere Journalisten bei verdeckten und investigativen Recherchen mit einem Stipendium unterstützt. Dann könnte aus dem, was ich im Kleinen mache, eine Bewegung entstehen. Ich sehe durchaus ermutigende Zeichen, dass sich etwas ändert. Und ich erreiche mit meinen bescheidenen Mitteln zur Zeit mehr, als ich es mir erträumt habe.

Man könnte es auch so wenden: gute Recherchen sind teuer, also werden sie outgesourced.