Rüsselsheimer Parkidylle
30 Mai
28 Mai
Hier war es recht ruhig für ein paar Wochen, was daran lag, dass es an anderer Stelle nicht so ruhig war. Aber dennoch schön. Seit gestern ist ein neues Journal Frankfurt am Kiosk, neu in vielen Hinsichten, vordergründig vor allem mit Blick auf die Gestaltung (das Layout, Design, wie man’s auch immer gerade nennt). Alles etwas luftiger, erwachsener (wobei erwachsen eigentlich ein nicht soo gut gewähltes Wort ist, weil, wie ein Leser heute meiner Meinung nach zurecht anmerkte: erwachsen sein doch irgendwie spießig und langweilig ist. Alle sind erwachsen, keiner mag’s sein? Das wär noch mal ‘nen extra Beitrag an dieser Stelle wert.)
Ich find, das neue Heft ist ziemlich gut geworden und das sage ich nicht, weil ich dort angestellt bin oder das mitverbrochen habe (so drückte sich eine Leserin heute Abend am Telefon aus – aber, bevor der falsche Eindruck entsteht: bislang ists Feedback größtenteils positiv), sondern ich sage das, weil ich das Journal nach dem Relaunch wirklich für substantiell verbessert halte. Der Redaktion wird mehr Raum als bislang eingeräumt (was einen Redakteur natürlich freut), der Terminkalender rückt in den Hintergrund (Vollständigkeit war in einem Printprodukt sowieso schon immer eine Illusion, online kommt man ihr nahe). Dazu hatte ich die Ehre eine mehrseitige Reportage über die Flüchtlingsunterkunft am Flughafen zu schreiben, die es, obwohl eigentlich politisch und damit verkaufsmindernd, sogar aufs Titelblatt geschafft hat. Einen Redakteur und einen Fotografen etliche Tage recherchieren zu lassen, ihnen Zeit zu geben für ein solches Projekt ist ein großer Luxus, den sich ein Stadtmagazin erstmal leisten können/wollen muss.
Schließlich habe ich mich nun wenigstens beruflich mit dem 140-zeichen-ins-netz-schreiben-dienst twitter angefreundet, da erfährt man zwar auch viel Belangloses von den Mitlesern und MItschreibern, aber gleich am dritten Tag etwas intensiverer Nutzung kam gleich eine Geschichte über den twitternden Krankenwagenfahrer cibis zutage, der nun auf der letzten Seite des Hefts von meinem Kollegen Christoph porträtiert wurde. Soll noch mal einer sagen, die neuen Medien wären der Tod der alten – nein, sie bereichern sie vielmehr. Konvergenz ist alles. Deswegen darf auch im Pflasterstrand-Blog übers neue Heft diskutiert werden.
Demnächst dann wieder mehr von dieser Warte.
15 Mai
Meist ist es so: ich fahre in Urlaub, höre dann kein Radio, sehe kein fern, lese keine Zeitungen, komme zurück und merke: nichts verpasst. Nichts wichtiges. Und nun weiß ich auch, wie solche Tage ohne Nachrichten dann bei der BBC rüberkommen bzw. was passiert, wenn der Fernseher ausgeschaltet ist – nichts, keine News:
11 Mai
Gestern war ich im Pfingstgottesdienst und hab keinen Liederzettel mehr abgekommen, weil die Kirche so voll war (Konfirmation! Im Protestantenland Niedersachsen!) und deswegen konnte ich also auch nicht mitsingen und mitmurmeln, zumindest nicht mit aufs Blatt geneigtem Kopf. Aber mir fiel auf: ich konnte erstaunlich viel Text, dabei gilt doch unsere Generation als durchweg ignorant und schlecht gebildet und ebenso sprung- wie flatterhaft. Die Wahrheit ist: es bleibt mehr hängen, als einem lieb sein kann. Sogar die ersten Strophen von Taufliedern (“Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist”), Vater unser und evangelisches Glaubensbekenntnis versteht sich ja eh von selbst, dann die Zwischenlieder, Kýrie eléison und so fort.
Die Sache mit auswendiggelerntem Wissen ist: es ist da, nur eben nicht auf Abruf oder auf Kommando, weil ja eigentlich immer irgendwo ein Internetanschluss in der Nähe lauert, wozu also Auswendiglernen, wozu Rezitieren?
Das Kopieren und Einfügen ist eine schicke Sache, aber sie macht uns nicht aus. Vielmehr als Wissen im Geiste zu horten sind wir in der Lage, Wissen aufzudecken, zu finden und, naklar, zu googlen. Der Wissensschatz ist groß geworden, die Bildung geht in die Breite. Natürlich kann es schick sein, alte Verse zu rezitieren. Aber schicker ist es, etwas aus ihnen zu machen, ihre Bedeutung zu diskutieren, sie auf den Prüfstand zu legen und auch sie zu ehren, in dem sie bruchstückhaft einfließen, in dem sie durchs Zitieren am Leben erhalten werden. Das Remixen von Wissen ist alles andere als ein Rückschritt. Es zeigt nur, wie Menschen schon immer gearbeitet haben: ohne Rückgriff auf schon Gedachtes, schon Geleistetes geht es nicht. Bloß das die Transparenz dieses Verfahrens heute größer ist als einst. Deswegen, schnell einkopiert, zum Auswendiglernen Einleitendes zu Reineke Fuchs von JWG:
“Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten / Feld und Wald; auf Hügeln und Höh´n, in Büschen und Hecken, / Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; / Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, / Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
5 Mai
Hurra, endlich geht es den Nazis an den Kragen: der Holtzbrinck-Verlag hat sein Portal Netz-gegen-Nazis.de an den Start gebracht. Dort lässt sich nachlesen, was zu tun ist, wenn Kameradschaften die Runde machen, wenn rechte Sprüche in der S-Bahn geklopft werden oder am Stammtisch und was gegen rechte Gewalt zu tun ist. Die Zeit nennt ihre neue Webseite “Ratgeberportal gegen Rechtsextremismus” und weil das alles so gut und so richtig ist, hat man auch gleich den Olympischen Sportbund, den Feuerwehrverband, den DFB, die Fußball-Liga, das ZDF und VZ-Gruppe (schülerVZ, studiVZ und meinVZ) mit ins Boot geholt, um gegen rechte Strömungen anzupaddeln. Was will man dagegen schon sagen? Nun, zitieren wir Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo aus seinem Editorial zum Portalstart:
In Deutschland gibt es zum Glück schon viele gute Initiativen gegen Rechtsextremismus
Genau. Zum Beispiel seit fünf Jahren die Seite Mut gegen rechte Gewalt, auf der aber dummerweise das Logo des stern prangt. Die Mitarbeiter letztgenannter finden’s schön, dass das Thema endlich die Mitte der Gesellschaft erreicht habe und verweisen gleich auf ein Dutzend anderer Seiten, die im Internet ähnliche Interessen verfolgen. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung will demnächst Gas geben, eine prägnante Adresse hat sich der Trägerverein “Gegen Vergessen fuer Demokratie e.V.” schon mal gesichert: www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de. Über zu wenig Information dürfen wir uns also nun erst recht nicht beschweren. Dass aber ein Portal nach dem anderen eröffnet werden muss, anstatt mit den anderen zu kooperieren und so eine zentrale Anlaufstelle zu schaffen, hat vielleicht auch einen ganz profanen Grund: öffentliche Aufmerksamkeit. Und die teilt man nicht gerne mit anderen. Zuviele Logos auf einem Fleck sehen ja auch nie schön aus. Wobei das Logo von netz-gegen-nazis.de auch allein nicht so wirklich gelungen wirkt. Aber antifaschistisch ist es ja schon irgendwie:
